Aktive Lernzeit

09. Nov 2020

Selbst organisiertes Lernen

Einige Zeit vor Unterrichtsbeginn treffe ich an der Bezirksschule Wohlen am Oberdorfweg ein und werde von Matthias Hehlen, der heute in der Lernlandschaft unterrichtet, freundlich begrüsst. Es ist mein erster Besuch
in einer Lernlandschaft, und ich sehe diesem mit Spannung entgegen. Vor Unterrichtsbeginn treffe ich auch John Klaver, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Berater der Schule, um mit ihm im Gespräch theoretische Aspekte des Unterrichts mit selbst organisiertem Lernen (SOL als didaktisches Konzept verknüpft selbstgesteuertes und kooperatives Lernen) zu vertiefen.

Am Pyjamatag in der Lernlandschaft
Die Schülerinnen und Schüler der dritten und zweiten Klasse trudeln kurz vor 10.00 Uhr fröhlich, plaudernd in der Lernlandschaft ein. Einige sind speziell gekleidet, tragen bunte, legere Hosen und kuschelige Overalls. Die Drittklässler wählen immer kurz vor ihrem Schulabschluss einmal pro Woche ein spezielles
Tenue aus. «Heute ist Pyjamatag», erklären sie und begrüssen uns lachend. Matthias Hehlen unterrichtet Deutsch und Geschichte und betreut heute beide Klassen im Lernatelier. Schnell verteilen sich alle an ihre Plätze und beginnen zu arbeiten.

Matthias Hehlen
Matthias Hehlen
Lehrer und Lerncoach in der Lernlandschaft der Bezirksschule Wohlen AG

Im Gespräch mit John Klaver vertiefe ich die Gelingensbedingungen für aktives undselbst organisiertes Lernen:
Profil: Was bedeutet es für die Klassenführung, wenn die Lehrperson die aktive Lernzeit sowohl qualitativ als auch quantitativ sicherstellen möchte?
John Klaver: Dazu muss man den Fokus auf die Unterschiede von Oberflächen- und Tiefenstrukturen von Unterricht richten. Schaut man auf die Oberfläche, also auf das Sichtbare, ist es wichtig, dass im Bezug auf Regeln und Umgang Klarheit herrschen. Das Klassengeschehen und die Raumgestaltung müssen so organisiert sein, dass nur wenige Störungen entstehen und die Lernenden sich gegenseitig nicht ablenken. Kleine Lerninseln ermöglichen, dass sich die Lernenden zurückziehen können. Wenn mehrere Lehrpersonen an einer Klasse tätig sind, müssen sie sich gegenseitig absprechen und die Lernunterstützung aufeinander abstimmen. In der Tiefenstruktur ist entscheidend, dass die Beziehungsebene stimmt und die Unterstützungsqualität gut ist. Die Lehrperson muss echtes Interesse und Neugierde für die Lernenden aufbringen und sollte nicht mit Standardlösungen an ein Problem herangehen. Dazu muss sie analysieren, wo die Lernenden stehen und passende Scaffolds (Hilfestellungen) anbieten. Das ist sehr anspruchsvoll.
Ebenso sollte eine Kultur vorherrschen, die Fehler als willkommene Lerngelegenheit wahrnimmt. Dazu braucht es eine gute Vertrauensbasis zwischen der Lehrperson und den Lernenden, aber auch unter den Schülerinnen und Schülern. Die Beziehung der Lernenden untereinander muss gefördert werden, sodass sie sich in den Lerngruppen gegenseitig
unterstützen. Es sollte eben auch cool sein, wenn man lernt. Und ganz wichtig: Lernende sollten in den Aufgaben einen Sinn erkennen. Alle diese Unterrichtselemente führen dazu, dass Schülerinnen und Schüler ihre Lernzeit aktiver nutzen.

John Klaver
John Klaver
Dozent für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Institut Weiterbildung und Beratung
der PH FHNW