An Grenzen gekommen – Lehrpersonen erzählen

12. Apr 2021

Unter dem Schutz der Anonymität berichten vier Betroffene von Phasen der Verzweiflung, Ohnmacht und Furcht vor dem Schulalltag. Auch von Schlafstörungen und ernsthaften Erkrankungen ist die Rede.

Mit dem Latein und den Nerven am Ende

S.R., männlich, 58-jährig

Montagmorgen, 8.00 Uhr. Ich begab mich zur Turnhalle. Auf dieses Vikariat an einer 3. und 4. Klasse hatte ich mich gefreut. «Ein tolles Alter, wissbegierig und noch spontan», dachte ich. Beim Näherkommen sah ich eine Riesenschlägerei.
Ich atmete tief durch und dachte: «Die kommen vielleicht aufgedreht vom Wochenende zurück.» In der Turnhalle angekommen, war an eine Vorstellungsrunde nicht zu denken. Wie aus dem Nichts tickte ein Junge völlig aus. Er schien mir psychisch ziemlich auffällig. Ein anderer, sehr sensibel, reagierte darauf mit ohrenbetäubendem Kreischen. Die beiden schaukelten sich gegenseitig hoch. In den folgenden Lektionen ging es in demselben Stil weiter: Die Kinder kreischten völlig überraschend los und warfen einander Pantoffeln und andere Gegenstände hinterher. Ich war perplex.

Die andere Klasse legte ein noch auffälligeres Verhalten an den Tag. Alles, was ich als Lehrperson zur Verfügung hatte, um ein Minimum an Ruhe und Aufmerksamkeit zu erwirken, funktionierte nicht. Erst als ich meine laute Stimme als Interventionsmittel einsetzte, konnte ich mir Gehör verschaffen – aber auch nur für ganz kurze Zeit. Klar, auf Dauer wird das inflationär. Aber ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Die beiden Klassen waren ausser Rand und Band. Bereits nach einer Woche war ich komplett an meine Grenzen gestossen. Auch organisatorisch: Von der Klassenlehrerin hatte ich eine Liste erhalten, worauf ersichtlich war, wann welche Kinder zur Schulsozialpädagogin, zur Audiopädagogin, zur Logopädin, in die Psychomotorik oder in den DAZ-Unterricht zu gehen hatten. Fast jedes Kind stand irgendwo auf der Liste.

Erschwerend kam Corona dazu: Ein Mädchen verfolgte den Unterricht aus der Quarantäne über das Laptop. Stets musste ich darauf achten, im Fokus der Kamera zu sein, wenn ich etwas sagte. Und schrieb ich etwas an die Tafel, musste die Kamera mit. Damit auch der hörbehinderte Junge in der Klasse zurechtkam, trug ich ein Mikrofon, das ich aber ausschalten musste, sobald ich einem einzelnen Kind etwas erklärte – und hernach auch wieder einschalten musste, was im Trubel manchmal vergessen ging. Ich hätte mir etwas Austausch mit den Speziallehrkräften gewünscht, aber das war unmöglich. Jede Minute war durchgetaktet und die Pause mit Aufsichtspflicht belegt.