Ansprüche und Widersprüche – die «ersten hundert Tage»

31. Mär 2020

Laura De Masi, Lehrerin in Burgdorf, blickt zurück auf ihre «ersten hundert Tage». Auf das anfängliche Überleben, die teilweise Diskrepanz zwischen Erwartungen und Wirklichkeit, Theorie und Praxis und auf den Weg zu einer Haltung, das nicht immer Mögliche trotzdem zu wagen.

Du unterrichtest nun schon seit über 5 Jahren. Erinnerst du dich noch an
deine «ersten 100 Tage»?

Ich erinnere mich, dass ich es an der Zeit fand, nach den vielen Jahren als Schülerin und später als Studentin endlich auf eigenen Beinen zu stehen und in der neuen Rolle als Lehrerin selbst unterrichten zu können. Ich erinnere mich aber auch deutlich an das Grundgefühl in den ersten Tagen und Wochen,
dass es einfach mal ums Überleben ging. Ich war total auf mich fokussiert: Dass ich mit meiner Unterrichtsvorbereitung klarkam, dass die Stunden ohne grosse Panne verliefen, dass ich die Schülerinnen und Schüler bei der Stange halten konnte. Und dass ich mit all den verschiedenen Ansprüchen, die von überall her auf mich hereinprasselten, irgendwie umgehen konnte. Ich
angelte mich von Situation zu Situation mit dem Ziel, das alles in den Griff zu kriegen.

Gab es Dinge, die anders waren, als du nach der Ausbildung erwartest hättest?
Ja, zum Beispiel das Sprachniveau im Französisch. An der PH bekamen wir fachwissenschaftliche Erkenntnisse mit, wie man eine Sprache lernt, und viele faszinierende Ideen für den Französischunterricht. Das ermutigte mich, diese in meiner Praxis als Französischlehrerin anzuwenden. Ich freute mich aufs Umsetzen und merkte dann sehr rasch: Die Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler war gar nicht vorhanden, um das zu verwirklichen. Man spricht – auch in der Ausbildung – oft von «den Schülerinnen und
Schülern» und meint damit das Mittelfeld, aber es gibt auch die Schwachen, die nicht mitkommen. Was macht man mit ihnen, wo setzt man an? Das ist eine schwierige Situation für eine unerfahrene Lehrperson, wenn sie merkt, dass sie falsche Vorstellungen davon hat, was Schülerinnen und Schüler
können.