Auf Nebenwegen zum Lehrdiplom

11. Aug 2021

Um Lehrerin oder Lehrer zu werden, ist die gymnasiale Maturität keine zwingende Voraussetzung mehr. Doch welche Wege stehen angehenden PH-Studierenden offen? Zwei Absolventinnen und ein Absolvent erzählen. Von Lukas Tschopp.

Viele Wege führen nach Rom. Und viele Wege führen zum Lehrdiplom. Dem war nicht immer so: Bis 2005 wurden Lehrdiplome für Volksschullehrpersonen allein in staatlich anerkannten und in privaten Lehrerinnen- und Lehrerseminaren verteilt. Seither hat sich eini­ges getan. Der konventionelle Weg führt heute über die gymnasiale Maturität und über ein Studium an der Pädagogischen Hochschule (PH). Neben diesem «Hauptweg» verlaufen zahlreiche Nebenwege, die es einem erlauben, auch ohne gymnasiale Matur an der PH zu studieren.


«Ich wollte konkret etwas bewegen»

Eine Studentin, die einen solchen Nebenweg eingeschlagen hat, ist die Bernerin Elena Inniger (29). Nach der Schule absolvierte sie eine Kaufmännische Lehre und erlangte die Berufsmaturität. «Danach zog es mich in die Ferne: Ich verbrachte zwei Jahre in Zentralamerika, arbei­tete in einem Kinderheim und servierte in Bars», erzählt Elena Inniger. Zurück in der Schweiz, habe sie ein Studium der Betriebswirtschaft in Luzern begonnen. «Mit der eintönigen, aber auch besserwisserischen Art und Weise, wie einige Dozenten ihren Unterricht abhielten, kam ich allerdings nicht zurecht», sagt sie. «Ich brach es ab.» Elena Inniger wusste: Unterricht, das müsste eigentlich auch anders funktionieren. Leidenschaftlicher, engagierter, mit mehr Herz. «In mir regte sich das Bedürfnis, konkret etwas zu bewegen und positiven Einfluss auf die nächste Generation zu nehmen.»


Vorbereitungskurs an der PH Bern

So meldete sie sich an der PH Bern für den Vorbereitungskurs an. Mit dem Ziel, Sek I-Lehrerin zu werden. «Bereits in meiner Zeit an der Bezirksschule war mir die Art und Weise, wie die Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht gestalteten, äusserst wichtig», erinnert sich Elena Inniger. «Wenn mir der Unterrichtsstil einer Lehrperson nicht entsprach, schaltete ich ab.» Nun sah sie die Chance gekommen, selbst Lehrerin zu werden.

Wer keine gymnasiale Maturität vorweisen kann, hat die Möglichkeit, an der PH Bern einen ein- oder zweisemestrigen Vorbereitungskurs zu besuchen. Dieser Kurs führt zur Ergänzungsprüfung. Im Klassen-Setting werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der gesamten Fächerpalette konfrontiert: Deutsch, Französisch und Englisch, aber auch Mathematik, Biologie oder Physik, Geografie und Geschichte. Schliesslich legen die Kandidatinnen und Kandidaten in jedem Fach eine Prüfung ab. Mit einer genügenden Durchschnittsnote werden sie zum Studium an der PH zugelassen. Für Leute mit Berufsmaturität dauert dieser Vorbereitungskurs sechs Monate, für alle anderen ein Jahr. Erstere profitieren dabei von einer reduzierten Prüfung.

Einen Vorteil des Quereinstiegs sieht Elena Inniger in der Lebenserfahrung, die ältere PH-Studierende mitbringen. Eine Berufslehre, ein Zwischenjahr, ein fachfremdes Studium oder Erfahrungen in der Arbeitswelt: «All das hilft mit, die Realität von Schule und Gesellschaft besser zu verstehen», betont sie. «Zudem entwickelt man dadurch eine grössere Distanz zum Lebensalter der Schulkinder. Das ist nicht zu unterschätzen.»


Vieles unter einem Hut

Auch Rolf Künti (37) aus Wahlendorf im Kanton Bern kann der Möglichkeit des Quereinstiegs viel Positives abgewinnen. «Nach der Realschule habe ich zunächst eine Lehre zum Sanitärmonteur absolviert», erzählt er. «Dieses handwerkliche Know-how hilft mir heute noch bei meiner Arbeit als Lehrer für Technisches und Textiles Gestalten.» Während Elena Inniger an der PH Bern mitten in der Ausbildung steckt, hat Rolf Künti sein Studium zum Primarlehrer vor zehn Jahren abgeschlossen. Heute arbeitet er als Fachlehrer an den Schulen in Ipsach und Bargen. Daneben absolviert er einen Master in Fachdidaktik Natur/Mensch/Gesellschaft (NMG) und Nachhaltiger Entwicklung, arbeitet für die PH Bern in verschiedenen Kommissionen im Fachbereich NMG und begleitet als Praxislehrer mit erweitertem Auftrag PH-Studierende in ihren Praktika.

Wer bereits 30 Jahre alt ist und eine Berufsmaturität, einen Fach­mittelschulausweis oder ein Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis in der Tasche hat, kann an den PHs der Schweiz auch «sur dossier» aufgenommen werden. Bedingung dafür ist Berufserfahrung von mindestens 300 Stellenprozenten, verteilt auf sieben Jahre. Doch auch unter 30-Jährige können sich ohne gymnasiale Matur an der PH einschreiben. Dafür besteht ein spezifisches Aufnahme­verfahren (PH Zürich) bzw. ist ein Vorbereitungskurs (PH Bern) zu absolvieren.