Auf dem Schulweg in die Welt hineinwachsen

11. Aug 2021

Was erleben Kinder auf ihrem Schulweg? Zeichnungen erzählen uns, wie Kinder in unsere Welt hineinwachsen. Von Marco Hüttenmoser.

Salome darf ihr Haus nicht unbegleitet verlassen, um mit anderen Kindern zu spielen. Ihre Zeichnung zeigt eindrücklich, wie sich ihr Alltag ganz auf das Innenleben im Haus konzentriert. Die Fenster sind erleuchtet, und es erscheinen in ihnen die Köpfe verschiedener Hausbewohnerinnen und Hausbewohner. Das Haus steht mitten in einem aufgewühlten Meer von Strassen, das auch die Fussgängerstreifen erfasst hat. Nur ein schmaler getüpfelter Fussweg führt zum Haus und von ihm weg. Auf diesem vom Verkehr umwogten Weg allein in den Kindergarten oder die Schule zu gehen, braucht viel Mut und eine eigenständige Persönlichkeit.

Selbstvertrauen und Selbstständigkeit sind entscheidende Voraussetzungen dafür, dass sich ein Kind schon früh wagt, den Weg in den Kindergarten und später in die Schule ohne Begleitung durch Erwachsene gemeinsam mit anderen Kindern unter die Füsse zu nehmen. Die eigenständige Persönlichkeit der Kinder wird am besten gefördert, wenn die Eltern ihren Kindern schon früh erlauben können, im Freien, vor dem Haus und auf der Quartierstrasse mit anderen Kindern zu spielen. Auf diese Weise erhalten Kinder die Möglichkeit, sich erstmals mit dem motorisierten Strassenverkehr auseinanderzusetzen und beim bewegungsreichen Spiel nicht nur ihre motorischen Fähigkeiten zu fördern, sondern auch im Beziehungsgeflecht mit anderen Kindern die eigene Persönlichkeit zu stärken.


Das Wohnumfeld

Das Ergebnis einer grossen Untersuchung in der Stadt Zürich hat gezeigt, dass fast 70 Prozent der Kinder, die in einem Wohnumfeld aufwachsen, in dem das unbegleitete Spiel mit anderen Kindern möglich ist, gemäss den Erwartungen der Eltern spätestens nach einem Monat unbegleitet in den Kindergarten gehen sollen. Von den Kindern, die in einem Wohn­umfeld mit ungünstigen Bedingungen aufwuchsen, sind es nur 19 Prozent. Nur 9 Prozent der Eltern von Kindern aus einem guten Wohn­umfeld gehen davon aus, dass sie ihre Kinder die ganze Kindergartenzeit oder länger begleiten werden, während bei den Kindern aus einem schlechten Wohnumfeld 53 Prozent der Eltern die Meinung vertreten, sie würden die Kinder über die kommenden Jahre hinweg immer begleiten.

Kinder aus schlechten Wohnumfeldern sind nicht nur in sozialer Beziehung benachteiligt, sie kennen auch ihre Umgebung nicht und haben kaum eine Chance, in die Welt hineinzuwachsen und sich mit ihr anzufreunden. Umso wichtiger ist es, diesen Kindern durch eine intensive Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus sowie durch bauliche Massnahmen den Weg in den Kindergarten und in die Schule so vertraut und sicher zu machen, dass sie ihn unbegleitet, allein oder mit anderen Kindern gehen können.

Der Vergleich der Zeichnungen von Kindern mit einem guten, respektive schlechten Wohnumfeld zeigt, wie erschreckend tief der Graben zwischen den beiden Kinderwelten ist.

Erstklässler Roman, der nicht unbegleitet im Freien spielen kann und auch keine Freunde in der Nachbarschaft hat, zeichnet seine Wohn­umwelt völlig kahl und leer.

Die gleichaltrige Beatrice, die unbegleitet im Freien spielen darf, findet beim Aufzählen ihrer Freunde in der Nachbarschaft kein Ende: Es sind gegen 20. Ihr Umfeld zeichnet sie entsprechend bunt, voller Kinder, Tiere und Pflanzen.

Laura beobachtet genau: Die massiven roten Mauern, die kleinen Fenster, die an der Hauswand hochrankende Kletterpflanze, die verschiedenartigen Strünke und Blätter der Bäu­me und Sträucher. Alles weist auf den Süden hin. Laura wohnt im Tessin, und sie geht auf dem Weg zur Schule immer an diesem roten Haus vorbei. Nicht zuletzt deshalb, um auch die Schildkröte im Garten zu begrüssen.

Lauras Interesse an der Natur, früh geweckt durch die Eltern und die Betreuerinnen, ist gross. Dank der Tatsache, dass sie zu Fuss in die Schule gehen kann, was im Tessin eher selten ist, hat sie auch Zeit und Gelegenheit, die vielfältige Natur am Strassenrand eigenständig zu erkunden. Ihre Beobachtungen hält sie in Zeichnungen fest.

Kinder verfügen, im Gegensatz zu uns Erwachsenen, noch über die Fähigkeit, sich den Dingen und Personen in ihrer Umgebung voll zuzuwenden und dabei das ganze «Drumherum» zu vergessen. Diese wertvolle Fähigkeit ganzheitlicher Wahrnehmung sollten wir schützen und fördern.

Auch Alina möchte sich auf dem Schulweg den Pflanzen und Blumen am Strassenrand widmen und ihrer Mutter einen Strauss wunderschöne Wiesenblumen nach Hause bringen. Doch Alina hat Angst. Sie weiss, dass es gefährlich ist, sich dem zu widmen, was da am Strassenrand wächst, und dabei zu vergessen, dass es auf der Strasse Motorfahrzeugverkehr gibt.

Portrait Hüttenmoser

Dr. phil. Marco Hüttenmoser

war langjähriger Mitarbeiter des Marie Meierhofer Instituts für das Kind. Gleichzeitig führte er eine eigene Forschungs- und Dokumentationsstelle Kind und Umwelt (KUM) in Muri/AG, wo er zahlreiche Forschungsprojekte zum Thema «Kind und Verkehr» durchgeführt hat.

http://kindundumwelt.ch