Grenzenloser digitaler Raum

01. Dez 2021

Grenzenloser digitaler Raum

Der digitale Raum wird grösser und prägt zunehmend die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Wie sich die Nutzung der Medien durch Jugendliche in den letzten zehn Jahren gewandelt hat und was dies für die Schule bedeutet – ein Gespräch mit Daniel Süss. Von Christian Graf.

profil: Sie haben im Rahmen der Erhebung JAMES über 1000 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren zu ihrem Freizeitverhalten und zu ihrer Mediennutzung befragt. Welche zentralen Entwicklungen in der Mediennutzung durch Jugendliche konnten Sie in den letzten zehn Jahren feststellen?

Daniel Süss: Im beobachteten Zeitraum ist die Bedeutung des Smartphones für die Jugendlichen stets gestiegen. Immer mehr Kinder und Jugendliche haben ein Smartphone, immer mehr mit unlimitierter Datenmenge. Das Smartphone ist zum absoluten Leitmedium von Kindern und Jugendlichen geworden. Sie nutzen es für Unterhaltung, Information und Kommunikation ebenso wie für das Lernen. Das Gerät integriert auch die traditionellen Medien und ist dadurch gewissermassen zum Metamedium geworden.

Hat sich die Nutzungszeit deswegen verändert?

Wir stellen in den Berichten jeweils dar, wie hoch der Anteil der häufigen Nutzung (Nutzung täglich oder mindestens mehrmals pro Woche) verschiedener Medien ist. Beim Handy fragen wir direkt nach den Nutzungszeiten. Die von den befragten Jugendlichen selbst eingeschätzte Handynutzungszeit ist 2020 noch einmal gestiegen: an einem Wochenendtag um rund 1 Stunde 55 auf insgesamt 5 Stunden, unter der Woche um 40 Minuten auf 3 Stunden 10 Minuten täglich.

Welche Auswirkungen hat die intensive Nutzung des Smartphones auf das Verhalten der Kinder und Jugendlichen?

Die erweiterten Möglichkeiten des Smartphones und die einfache Verfügbarkeit von Programmen, die in immer intuitiveren Oberflächen angeboten werden, führen zu einer sich verändernden Nutzung. Wir stellen eine auffällige Verschiebung zu einer Kultur der visuellen Kommunikation fest. Sowohl bei der mit dem Austausch von Fotos verbundenen Selbstinszenierung wie bei der Verbreitung inhaltlicher Botschaften durch Jugendliche spielen visuelle Umsetzungen eine wichtige Rolle. Und obwohl der passiv konsumierende Umgang immer noch dominiert, nimmt die eher reaktiv-konstruktive Nutzung bei Jugendlichen zu. Jugendliche werden zunehmend zu Kuratorinnen und Kuratoren, indem sie mit einem eigenen Blick auf Dinge, die von anderen schon geschaffen wurden, etwas Eigenes entwerfen und ein originäres Werk schaffen.

Kinder und Jugendliche verändern also ihr Verhalten im digitalen Raum. Mit welchen Folgen?

Physische und digitale Räume werden zunehmend stärker vernetzt. Es ist heute für Kinder und Jugendliche möglich, physisch mit Familienmitgliedern zusammen und gleichzeitig mit Freundinnen und Freunden virtuell verbunden zu sein. Jugendliche können mit ihrem Smartphone ganz vieles in ihren eigenen Räumen virtuell und faktisch aushandeln. Damit haben sie in den letzten Jahren immer mehr autonome Bewegungsraume erhalten, deren Kontrolle durch Erwachsene anspruchsvoller wird.

Sie waren selbst Primarlehrer. Was bedeutet aus Ihrer Sicht diese Verlagerung der Lebensrealität von Jugendlichen in zunehmend digitalere Räume für die Volksschule?

Nach wie vor ist die Schule ein Ort des Lernens und Übens, wie man sich in digitalen Räumen bewegt, wie Risiken vermieden und positive Potenziale genutzt werden können. Als wesentliche Themen, die die Schule aufnehmen muss, erachte ich Cybermobbing, Verhaltenssucht und der Umgang mit Sexualität und Pornografie im digitalen Raum. Die Schule muss gleichzeitig die Frage immer wieder neu beantworten: Was machen wir digital, was offline, und wo lassen sich die beiden Formen sinnvoll verbinden? Auch die Rolle der Lehrperson ist durch die veränderte Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen betroffen. Denn das Wissensmonopol der Schule und der Lehrpersonen wird zunehmend relativiert, die Kinder und Jugendlichen recherchieren immer öfter und schneller selbst. Die Lehrperson muss sich zunehmend als Wissensinterpretin und -integriererin verstehen, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützt, mit der Fülle an Informationen und den digitalen Möglichkeiten umzugehen. So erhält die Förderung von Eigenständigkeit und kritischem Denken eine neue Dringlichkeit.

Bild Grenzenloser digitaler Raum

JAMES steht für Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Seit 2010 werden alle zwei Jahre jeweils über 1000 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren aus den drei grossen Sprachregionen der Schweiz zum Freizeitverhalten und der Mediennutzung befragt. Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der ZHAW und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Zürich, ist seit Beginn als Co-Leiter an den JAMES-Studien beteiligt.