Danke, dass du es mir gesagt hast!

07. Jul 2022

Rituale der Kommunikation werden in der Primarschule Derendingen sorgfältig eingeführt und gepflegt. Sie erleichtern das Zusammenleben und Lernen. Profil war bei einem Wochenabschluss in der 1./2. Klasse von Andrea Bösiger und Brigitte Häner Emch dabei. Von Christian Graf

«Wir haben heute wieder einmal Besuch. Aber das sind wir uns ja gewohnt, lasst euch nicht stören.» Das tun die 19 Erst- und Zweitklässler auch nicht, denn die Aufgabe, die ihre Lehrerin Andrea Bösiger gerade erklärt, ist interessanter: Die Kinder sollen in Dreiergruppen arbeiten und sich überlegen, welche Gefühle sie oft und welche sie eher selten empfinden.

Im Nu haben sich die Gruppen gebildet und ihren Platz im Zimmer gefunden: an einem Tisch, an der langen Fensterbank, am Pult der Lehrpersonen oder im Kreis am Boden. Die Gruppen gehen unterschiedlich vor. Die einen arbeiten zuerst still und allein, die anderen erzählen sich Situationen, in denen die auf dem Blatt genannten Gefühle aufgekommen waren, oder erklären einander, was mit «stolz», «einsam» oder «eifersüchtig» gemeint ist. Die ruhige und konzentrierte Arbeitsatmosphäre in dieser Klasse fällt auf. Die Heilpädagogin Brigitte

Häner Emch bestätigt diesen Eindruck: «In dieser Klasse war die Einführung einer Flüsterkultur kein Problem. Wir können als Lehrpersonen jederzeit das Schulzimmer verlassen, das verändert die Atmosphäre nicht. Die jüngeren Kinder lernen die Regeln und Rituale jeweils schnell von den bereits erfahrenen Schülerinnen und Schülern.»


Ein eingespieltes Team

Die beiden Lehrerinnen sind ein eingespieltes Team. Sie begleiten die Gruppen jeweils einzeln. Dabei geht es nicht um Erklärungen oder um das Beantworten von Fragen der Kinder. Ihre Interventionen sind eher als beiläufiges Lerncoaching zu deuten. Sie suchen das Gespräch mit einzelnen Kindern, fragen nach, weshalb ein Kind genau dieses Gefühl wählte und in welchen konkreten Situationen das Gefühl auftauchte. Virtuos finden sie einen Anknüpfungspunkt für ein konkretes Feedback oder einen Tipp zum Verhalten oder Lernen. Treffen sich Andrea Bösiger und Brigitte Häner Emch nach einer solchen Intervention, tauschen sie sich rasch aus, erzählen von den Gesprächen und analysieren, was bei der Aufgabenstellung funktioniert und was ein nächstes Mal verändert werden müsste. Ein Blickkontakt genügt, um gemeinsam zu entscheiden, die Arbeit in der Gruppe für heute zu beenden und zur freien Lernzeit überzuleiten.

Nach einiger Zeit gibt eine kleine Glocke das Zeichen für den Übergang zum Wochen­abschluss. Als Erstes steht der Wochenkreis an. Aysha ist das «Kind der Woche», sie hat sich sehr darauf gefreut. Und auch bei allen anderen Kindern ist die Vorfreude auf das Ritual spürbar. Die Klasse trifft sich im Kreis, Aysha sitzt etwas erhöht. Im Kreis herum gibt jedes Kind Aysha eine positive Botschaft in einem Satz: «Aysha, ich mag an dir…» Manchmal muss Aysha nachfragen, so leise kommen einzelne Wortmeldungen an. Doch es ist ihr anzusehen, wie sehr sie die positiven Rückmeldungen geniesst, wie gut sie ihr tun.


Feedback in der «Wochenrunde»

«Wir kommen nun zur Wochenrunde», leitet Andrea Bösiger zum nächsten Ritual über. Wer will, kann sich nach dem Verklingen des Klangschalentons auf das dafür bestimmte Kissen setzen und einem oder mehreren Mitschülerinnen und Mitschülern ein Feedback geben. Dieses wird nicht kommentiert, sondern von den Angesprochenen quittiert mit dem Satz «Danke, dass du es mir gesagt hast.» Hier können die Kinder die Beschreibung der Gefühle aus der ersten Aufgabe also gleich anwenden: «Ich war traurig, dass ihr mich diese Woche in der Pause vom Spiel ausgeschlossen habt.» «Mich freut es, dass wir jetzt zusammen den Schulweg machen.» Die Kinder müssen sich mit Blickkontakt verständigen, wer als Nächstes drankommen soll, die Lehrerinnen greifen nicht ein.


Hinweise auf Entwicklungen

Nicht immer laufen diese Runden so harmonisch ab, wie an diesem Freitag. «Aber wir staunen immer wieder, wie gut Kinder die Botschaften annehmen können, auch wenn diese schmerzen. Sie setzen sich jeweils ernsthaft damit auseinander. Und uns gibt das Gehörte Hinweise auf Entwicklungen, die wir beobachten und mit der Klasse in einer nächsten PfaDe-Lektion bearbeiten wollen», beschreibt

Brigitte Häner Emch ihre Erfahrungen. Die Frage erübrigt sich also, weshalb die Lehrerinnen sich jeweils während der Rituale so detailliert Notizen machen.

Ein weiteres Ritual komplettiert den Wochenabschluss. Die Lehrerinnen bitten einzelne Kinder, sich in den roten Rahmen mitten im Kreis zu stellen. Die Kinder beschreiben von sich aus oder werden von einer Lehrperson dazu aufgefordert zu beschreiben, auf welche gelungene Arbeit oder auf welchen bewältigten Lernschritt sie besonders stolz sind.


Ein guter und bestärkender Ausstausch

Zum Schluss erinnert Andrea Bösiger aus aktuellem Anlass die Kinder an die Verhaltensregeln auf dem Schulweg – offen und unaufgeregt. Mit der bestärkenden Botschaft: «Ihr habt euch ja bereits an den Schulweg gewöhnt und schafft das sehr gut» wird das Thema abgeschlossen, bevor die Meldung der Polizei zu viel Raum einnimmt.

Ruhig verlassen die Kinder das Schulzimmer. Eine weitere intensive Woche des gemeinsamen Lernens und Zusammenlebens ist mit einem guten und bestärkenden Austausch abgeschlossen.

"PfaDe"

Pfade Derendingen ist ein Programm, das an der gesamten Primarschule Derendingen verbindlich eingesetzt wird. Denk-Wege, wie das Programm heute heisst, wurde ab 2004 auf der Grundlage eines amerikanischen evidenzbasierten Modellprogramms am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Zürich entwickelt.


Beim schulischen Präventionsprogramm zur Reduktion von nach aussen und innen gerichtetem Problemverhalten und Gewalt sowie zur Förderung der Resilienz und einer gesunden Schulkultur wird an sieben Schwerpunktthemen gearbeitet: Regeln und Manieren, gesundes Selbstwertgefühl, Gefühle und Verhalten, Selbstkontrolle, Problemlösen, Freundschaften und Zusammenleben, Lern- und Organisationsstrategien.