Der Tiptopf als Zeitzeuge

11. Aug 2021

Seit 1986 lehrt er in den Schweizer Schulküchen Jugendliche das Kochen: der Tiptopf. Das Schulkochbuch hat einen langen Weg hinter sich, es wurde mehrfach überarbeitet und aktualisiert. In seiner Veränderung spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen in Bezug auf Familie, Ernährung und Essen wider.

Welches Gemüse hat gerade Saison? Wie lange muss der Schweinebraten in den Ofen? Wie bereitet man schon wieder einen Hefeteig zu? Zur Beantwortung dieser und vieler weiterer Fragen gibt es einen Küchenhelfer, der in der Schweiz besonders beliebt ist. Er steht in der Studierenden-WG im Regal, liegt bei den Gross­eltern neben dem Herd und wird als wohl einziges Lehrmittel auch nach der Schulzeit weiter benutzt: der Tiptopf. Seit der ersten Ausgabe 1986 wurde das interkantonale Lehrmittel für den Hauswirtschaftsunterricht über zwei Millionen Mal verkauft. Es gehört damit zu den Bestsellern in der Schweizer Bücherlandschaft.

In den rund 35 Jahren, in denen der Tiptopf für viele zum ständigen Begleiter in der Küche wurde, haben sich sein Inhalt und sein Erscheinungsbild immer wieder verändert. Rezepte wurden angepasst, hinzugefügt oder ersetzt, Bilder ausgewechselt, die Ernährungslehre ausgebaut und neu gestaltet. Denn: Seit 1986 hat sich viel verändert. Ernährungsgewohnheiten, Familien- und Rollenbilder, die Verfügbarkeit von Lebensmitteln, die Art und Weise, wie Essen präsentiert wird – all diese Veränderungen zeigen sich auch im Weg, den der Tiptopf seit seiner Erstveröffentlichung gemacht hat. Betrachtet man das Schulbuch aus kultur­wissenschaftlicher Perspektive als Träger kulturellen Wissens, der zur (Re-)Konstruktion sozialer Wirklichkeit beiträgt, wird es zum interessanten Untersuchungsgegenstand als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen.


Erfolgsrezept Tiptopf

Vor der Einführung des Tiptopfs wurden in allen Kantonen unterschiedliche Lehrmittel für den Hauswirtschaftsunterricht verwendet. Unter der Leitung der interkantonalen Lehrmittelzentrale wurde deshalb ein gemeinsames Lehrmittel angestrebt. Ein interkantonales

Autorinnenteam nahm sich der Aufgabe an und arbeitete während fünf Jahren am gemeinsamen Lehrmittel, bis 1986 die erste Ausgabe im Lehrmittelverlag Bern erschien. 1999 wurde der Tiptopf zum ersten Mal überarbeitet und bekam schliesslich mit einer Gesamtüberarbeitung 2008 das Erscheinungsbild, das wir heute kennen. 2011 konnte der Tiptopf ein besonderes Jubiläum feiern: das zweimillionste Buch ging über den Ladentisch, und der Tiptopf wurde zum meistverkauften Schweizer Lehrmittel. 2019 erhielt der Tiptopf mit dem «Greentopf» ein Pendant, das über 200 vegetarische und vegane Rezepte aus der Schweiz und aller Welt enthält.


Die Abbildungen zum Thema «gemeinsames Essen» 1986 (links) und in der aktuellen Ausgabe (rechts) zeigen Veränderungen des Familienbildes und der Essgewohnheiten.