Faule Jungen, strebsame Mädchen?

01. Apr 2020

Gründe für die unterschiedlichen Schulleistungen von Schülern und Schülerinnen werden in Fachkreisen und Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Die Professorin Elisabeth Grünewald hat zu diesem Thema eine Studie geleitet.

profil: «Faule Jungen, strebsame Mädchen?» So lautet der Titel Ihrer Studie,
die Sie an der PHBern zwischen 2008 und 2011 durchgeführt haben. Was
genau haben Sie untersucht?

Frau Dr. Grünewald: Auslöser für das Projekt waren die Diskussionen über geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede in den Medien. Uns interessierte die tatsächliche Faktenlage im Kanton Bern. Stimmt die Annahme, dass Knaben faul sind und Mädchen strebsam und dass dadurch die Leistungen
der Knaben beeinträchtigt werden? Welche anderen oder weiteren Gründe lassen sich erkennen? Wir untersuchten fünfzig 8. Klassen aller Anspruchsniveaus und ermittelten, welche Faktoren Leistung begünstigen
bzw. beeinträchtigen, und ob es einen Zusammenhang gibt mit den Geschlechterrollenvorstellungen der Kinder. Eingesetzt wurden ein Fragebogen, Klassengespräche und Videoaufnahmen von Lektionen.

Knaben fallen offenbar in der Schule öfter negativ auf. In welchem Zusammenhang zum Geschlechtsbild steht dieses Verhalten?
Frau Dr. Grünewald: Wir haben in der Studie einen starken Zusammenhang
zwischen traditionellen Männlichkeitsvorstellungen der Knaben und ihrem
störenden Verhalten festgestellt. Knaben, die punkto Geschlechterrollen
aufgeschlossen denken, sind kooperativ und stören kaum. Da die Knaben in einer Schulklasse sehr unterschiedlich sind, ist es anspruchsvoll, den
Unterricht so zu organisieren, dass sich alle eingebunden fühlen. Dazu kommen ja auch die Bedürfnisse der Mädchen.
Unsere Studie wurde 2011 abgeschlossen. Neuere Studien kommen zu praktisch identischen Ergebnissen. Das zeigt z. B. ein Nachfolgeprojekt meines damaligen Projektkollegen Prof. Andreas Hadjar, heute an der Universität Luxemburg tätig, mit Prof. Tina Hascher von der Universität Bern mit Ergebnissen zu Luxemburg und der Schweiz. In einem knappen Jahrzehnt hat sich also wenig verändert. Es sind immer noch die gleichen Geschlechterstereotypen, die schulischen
Erfolg beeinträchtigen.