Mehr als Gewinnen und Verlieren

01. Apr 2020

Es geht auch ohne Ausgrenzungen und Beschämungen im Sportunterricht.

profil –  Wie kann die Unterstufenlehrperson im Sportunterricht auch
weniger geschickten Kindern zu Erfolgserlebnissen verhelfen?

Sonja Lienert: Gezieltes Beobachten ist wichtig. Schaut man genau hin, erkennt man die Stärken der einzelnen Kinder. Ein Kind kann beispielsweise
gut tanzen oder viele Ideen einbringen. Steht nun ein ganz anderer Schwerpunkt im Zentrum, kann die Lehrperson diese Talente bewusst einbeziehen, indem sie tänzerisch in die Sportstunde einsteigt und das Kind so abholt. Extrem wichtig sind Wiederholungen. Es gibt immer Kinder, die schnell
aufgeben und enttäuscht sind, wenn sie etwas nicht können. Am besten arbeitet die Lehrperson mit Unterrichtseinheiten, welche aus mehreren Lektionen zum selben Thema bestehen. Sie muss nicht jedes Mal neue Übungen erfinden, sondern soll Wiederholungen bewusst zulassen. Wichtig ist natürlich die Ermutigung. Die Lehrperson muss nahe beim Kind sein und bei Überforderung Vereinfachungen anbieten. Hat ein Kind Angst beim Balancieren, kann sie die Höhe reduzieren oder darauf achten, dass es weniger wackelt, oder sie kann mit einem Seil dafür sorgen, dass sich das Kind selbst sichern kann. Die Idee dahinter ist, dass das Kind es selbst schafft und so Selbstvertrauen gewinnt. Nach dem Unterricht sollte die Lehrperson mit den Kindern Erfolgserlebnisse und neu Gelerntes bewusst benennen. In einem Bewegungstagebuch können sie ihre Fortschritte festhalten. Bewegungsübungen im Unterricht, Anregungen für die Pause oder Bewegungs-Hausaufgaben wie einfache Übungen mit einem Seil oder Ball tragen dazu bei, dass die Kinder auch zu Hause in Bewegung bleiben. Die drei Sportlektionen pro Woche sind immer schnell vorbei und bieten oft
nicht genügend Zeit, um etwas einzuüben.

Ist der Sportunterricht ein idealer Nährboden für Beschämungen und Ausgrenzungen? Gibt es dazu Untersuchungen?

Es gibt unterschiedliche Untersuchungen. Die einen zeigen, dass die soziale Partizipation gerade im Fach Bewegung und Sport grosses Potenzial hat. Andere zeigen, dass im Sport mehr Ausgrenzungen vorkommen. Dazu gibt es unterschiedliche Befunde. Es kommt sehr stark auf die Lehrperson an und
wie sensibel sie mit diesem Thema umgeht. Auch spielt es eine Rolle, wie kompetitiv ihr Sportunterricht ist. Integrierte Kinder, die nebst einer kognitiven auch eine motorische Beeinträchtigung haben, erleben in Wettbewerbssituationen Ausgrenzungen besonders häufig. Für Kinder, die nur eine kognitive Beeinträchtigung haben, motorisch hingegen geschickt sind, bietet sich die Möglichkeit, endlich mit dabei zu sein. Das gelingt im Sportunterricht meist besser als im Schulzimmer, wo sie oft Spezialfälle sind.

Sonja Lienert
Sonja Lienert
ist ausgebildete Turn- und Sportlehrerin und Psychomotorik-Therapeutin. Sie ist seit vielen Jahren an der an der PHLU und PHZH als Dozentin in den Bereichen Bewegung und Sport und Grafomotorik tätig. Seit zwei Jahren forscht sie zudem an der PHBern zum Thema «inklusiver Sportunterricht ». Sie ist Coautorin diverser Bücher u. a. des Lehrmittels «bewegt und selbstsicher».