Von der Grenze zwischen den Wörtern

12. Apr 2021

Wenn Kinder einer Basisstufe lernen, Wörter voneinander abzugrenzen, helfen Klötzchen, Schere und Leim – entscheidend ist aber eine gute Lerngemeinschaft. Ein Besuch bei Manuela Hählen im Schulhaus Hessgut/Liebefeld.

Es ist ein regnerischer Nachmittag im November. Nach und nach trudeln die 17 Kinder der Basisstufe ein, schauen sich neugierig nach der heutigen Besucherin um, holen ihren Lesestoff und lassen sich irgendwo im Raum nieder. Das Mädchen in meiner Nähe liest eine Geschichte von der Giraffe Torkel und fragt mich ohne Umschweife nach Wörtern, die es noch nicht versteht, «Akazie» zum Beispiel oder «piksen». Der kleine Knabe zu meiner Rechten hat sich ein dickes, kartoniertes Comicbuch genommen und blättert in den Bildern hin und her, manchmal ganz schnell, sodass eine Art Daumenkino entsteht. In der Ecke beim Fenster sitzt ein Knabe über sein Kasimir-Buch gebeugt und lacht vor sich hin. «Lesen» kann vieles heissen für diese Kinder zwischen vier und acht Jahren, Freude scheint es zu machen, das ist augenfällig.

Jedes Klötzchen ist ein Wort
Ein musikalisches Zeichen beendet die individuelle Lesezeit, die Kinder setzen sich in den Kreis. «Heute Morgen haben wir Wörter mit dem Buchstaben ‹M› gesucht», beginnt die Lehrerin, «jetzt wollen wir schauen, was wir mit Wörtern machen können.» Einige Kinder strecken die Hand hoch, ein Mädchen sagt: «Wir können Sätze machen und aus Sätzen dann Geschichten.» Die Lehrerin bestätigt dies und ergänzt: «Wir suchen Sätze, die zum grossen Wimmelbild passen, das ich nun vor euch in den Kreis lege.» Der Knabe neben der Lehrerin hat schon einen Satz parat: «Im Auto sind Menschen.» Die Lehrerin nimmt vier Klötzchen aus einer Schachtel, wiederholt den Satz und stellt die Klötzchen neben das Bild. «Jedes Klötzchen ist ein Wort, und dazwischen hat es eine Lücke», kommentiert der Knabe, «und jetzt haben Sie noch ein kleines Klötzchen in einer anderen Farbe hingelegt, das ist der Punkt.»

Offensichtlich gehört der Knabe zu den Älteren in der Klasse und weiss schon gut, wie das mit den Lücken geht. Nun will das Mädchen gleich nebenan seinen Satz beitragen, es nimmt ein paar Klötzchen aus der Schachtel und legt sie langsam hin, während es spricht: «Die Katze rennt …», jetzt zögert es und sagt dann schnell, «über die Strasse», ohne weitere Klötzchen hinzulegen. Die Lehrerin schlägt vor, dass alle Kinder zusammen den Satz sprechen. Das tun die Kinder und betonen die Lücken so deutlich, dass das Mädchen alle seine Klötzchen mühelos legen kann. Zwei weitere Kinder nennen ihren Satz, dann erhalten alle den Auftrag, in kleinen Gruppen selbst einen weiteren Satz zum Wimmelbild zu suchen, die Klötzchen aufzustellen und dann den Satz aufzuschreiben. Laut Manuela Hählen sind in den einzelnen Gruppen jeweils Kinder mit unterschiedlichen Lese- und Schreibkenntnissen.
Rasch verteilen sich die Gruppen, bald sind Sätze zum Wimmelbild zu hören, und immer wieder schwirrt das Wort «Lücke» durch den Raum. Dass sich die Kinder gut um die Abstände zwischen den Wörtern kümmern, zeigt sich auch auf ihren Blättern mit den Sätzen. Bei der kurzen Auswertung im Kreis lesen die Kinder ihre Sätze vor, während die Lehrerin jeweils die Klötzchen dazu aufstellt.