Grenzsignale. als Lesehilfen:

12. Apr 2021

Ein Gespräch mit Ann Peyer über Parallelen zwischen der kulturhistorischen Entwicklung von Grenzsignalen und der literalen Entwicklung von Kindern.

Was muss ein Kind leisten, um in seinen Sätzen Lücken als Grenzmarkierungen zwischen den Wörtern zu setzen? Muss es eine grammatische Vorstellung von Wort haben?
Ann Peyer: Es muss diese Vorstellung nach und nach entwickeln. Zuerst muss es das neue System der Schriftlichkeit kennenlernen. Das ist ja nicht einfach eine 1: 1-Abbildung der Mündlichkeit: Die Wortgrenzen ergeben sich erst durch das Schriftsystem. Das Kind muss nicht zuerst lernen, was Wörter sind, sondern es muss lernen, sie zu schreiben. Es eignet sich implizit eine Vorstellung dieser Einheiten an. Dabei greift es auf sein sprachliches Wissen zurück und merkt, dass es Wörter in verschiedenen Kontexten brauchen kann. Kinder müssen beim Schreiben viele Dinge gleichzeitig lernen, zum Beispiel die Buchstaben als Formen - das ist auch motorisch eine Herausforderung – oder die Zuordnung von Lauten und Buchstaben oder das Erfassen der Silbenstruktur. Das Gesamte ist ein komplexer Prozess, mit dem die Kinder klarkommen müssen. Da ist die Wortgrenze ein Element unter vielen.

Was unterstützt die Kinder bei diesem spezifischen Aspekt der Schreibentwicklung?
Es braucht viele verschiedene Schreibgelegenheiten, sodass die Kinder das Schreiben als Möglichkeit kennenlernen können. Methoden gibt es viele, förderlich ist das Zusammenspiel von «Geschichten bzw. Sätze schreiben
» und «einzelne Wörter schreiben lernen». Die Kinder erfahren, dass wir beim Sprechen Atempausen machen und dazwischen ganze Gefüge zusammenlassen: Oft sind es Präposition, Artikel und Nomen wie «voremHuus» oder wie das Beispiel des Mädchens in der Basisstufe «überdieStrasse». Pausen bzw. Grenzen zwischen den Wörtern gehören zur
Schriftlichkeit, sie helfen beim Lesen, insbesondere beim leisen Lesen. Darum brauchen die Kinder auch viele Gelegenheiten, eigene und fremde Texte zu lesen. Dass Grenzsignale das Lesen erleichtern, erlebt nicht nur das einzelne Kind in seiner literalen Entwicklung, auch kulturhistorisch verlief es so.

Ann Peyer
Ann Peyer
Ann Peyer ist Professorin für Fachdidaktik Deutsch an der PHZH. Sprache(n) interessieren sie unter allen möglichen Gesichtspunkten, dazu gehört auch das Nachdenken über sprachliche Fragen im Alltag.