Auf langer Denkreise

01. Dez 2021

Sie setzt sich seit über 25 Jahren mit digitalen Möglichkeiten im Unterricht auseinander. Zuerst als Lehrerin und Heilpädagogin, später auch als Schulleiterin, Erwachsenenbildnerin und Beraterin. Heute begleitet Rahel Tschopp Schulen auf ihrem Weg zur Lernkultur in der Digitalität. Von Regina Strub.

Ihr Einstieg in den Lehrberuf war der Beginn einer langen Denkreise. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin arbeitete Rahel Tschopp ein Jahr lang an einer Primarschule in einem abgelegenen Schulhaus und meint rückblickend: «Ich war überfordert und naiv, liess mich durch den Charme des Schulhauses blenden. Alle Kolleginnen und Kollegen waren einige Kilometer von mir entfernt, auch der Kopierer. Mir fiel die Decke auf den Kopf.»

Im Anschluss wurde sie Lehrerin an einer Kleinklasse, und ihre Gefühlslage änderte sich völlig. «Da ging eine neue Welt für mich auf», sagt sie. «Die Kinder und ihre Eltern hatten teilweise sehr schwere Rucksäcke zu tragen. Ich lernte, die Kinder ins Zentrum zu stellen – und nicht meine Unterrichtsvorbereitung oder den Stundenplan.»

Rahel Tschopp absolvierte daraufhin die Ausbildung zur Heilpädagogin und suchte bald darauf die nächste grosse Herausforderung – sie nahm eine Stelle als Lehrerin für Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten in der Stadt Zürich an. Mit diesen jungen Menschen arbeitete Rahel Tschopp in den Neunzigerjahren mit dem Computer. Gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern habe sie den Computer und seine Möglichkeiten entdeckt, erzählt sie. Und so absurd es klinge – die Kinder hätten über dieses Gerät gelernt zusammenzuarbeiten und sich zu vertrauen.

Ihre Erfahrungen konnte sie bald schon in die Weiterbildung von Lehrpersonen einbringen. Sie zeigte Kolleginnen und Kollegen Möglichkeiten auf, wie der Computer in die verschiedenen Fächer integriert werden konnte. «In jedem Kurs hat mindestens eine Lehrperson angezweifelt, dass die Schülerinnen und Schüler den Umgang mit dem Computer erlernen können, wenn sogar sie selbst Mühe hätten », erzählt Rahel Tschopp lachend. Diese Lehrpersonen motivierten sie zu einer weiteren Idee: Dem Rollenwechsel. Gemeinsam mit Mittelstufenkindern entwickelte sie das Projekt CompiSternli: Die Kinder führten dabei ältere Personen in einer Eins-zu-Eins-Betreuung in die Grundlagen der Computeranwendungen ein.

Ihre Kleinklassenschülerinnen und -schüler hatte sie so ausgebildet, dass sie andere Kinder und sogar ganze Klassen bei der Arbeit mit dem Computer unterstützen konnten. «Das waren teilweise wunderbare Momente», erzählt Rahel Tschopp. «Die Schülerinnen und Schüler, die schulisch kaum auf einen grünen Zweig kamen, wurden schulhausintern zu gefragten Expertinnen und Experten. Sie durften nur verbal erklären, also nichts vorzeigen. Dies war eine sehr gute sprachliche Übung für sie – und für ihr Selbstwertgefühl waren diese Situationen unbezahlbar.»

Rahel Tschopp