Individuelle Lernwege unterstützen

11. Aug 2021

Fabian Grolimund empfindet es als grosses Glück, dass er auf Lehrpersonen traf, die eine Beziehung zu ihm als Individuum aufbauten, ihn wahrnahmen und förderten. Diese Wertschätzung und Unterstützung bezeichnet er als Grundstein seiner erfolgreichen Lernspur. Von Regina Strub.

Seinen Schulstart beschreibt der heutige Lerncoach Fabian Grolimund als nicht ganz einfach: «Ich war sehr verträumt und auch nach einem zusätzlichen Kindergartenjahr noch nicht ganz schulreif. Dieses zusätzliche Jahr ist rückblickend gesehen mein wichtigstes, ich durfte mir Zeit lassen und sicherer werden.»

Glücklicherweise hatte er gleich zu Beginn eine verständnisvolle und liebe Lehrerin, die ihm mit viel Geduld und Unterstützung half, seine Blockaden allmählich zu lösen. Im Laufe der Schulzeit traf Fabian Grolimund immer wieder auf aussergewöhnliche Lehrerinnen und Lehrer, die ihn in seiner Eigenheit wahrnahmen und es verstanden, seine Freude am Lernen zu wecken und ihn für ihr Fach zu begeistern.

Und so führte ihn der Weg zu seiner heutigen Arbeit, in der Fabian Grolimund als Lerncoach dazu beitragen will, dass mehr Kinder und Jugendliche gerne lernen und auch wissen, wie sie sich Inhalte effektiv und selbstständig erarbeiten können. Eltern und Lehrpersonen vermittelt er in seinen Weiterbildungsangeboten, dass es für erfolgreiches Lernen neben wirksamen Lernstrategien vor allem auf eine gute Beziehung ankommt, die von Verständnis, Wertschätzung, Interesse, Vertrauen und klaren Erwartungen geprägt ist. Seine persönlichen Erfahrungen in den ersten Schuljahren helfen ihm dabei, Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen zu verstehen und eine gemeinsame Lösung anzustreben.


Einfache und griffige Massnahmen

Fabian Grolimund bezeichnet Lerncoaching als ein Instrument zur Förderung des selbstregulierten Lernens und betont: «Lerncoaching ist keine Form von Nachhilfeunterricht, es wird kein Schulstoff erklärt. Beim Lerncoaching werden Strategien entwickelt, die dem Kind oder den Jugendlichen helfen, eigenständiger und effektiver zu lernen.»

Vor allem bei Kindern im Primarschulalter arbeitet er oft auch mit den Eltern. Diese sind besorgt, weil ihre Kinder in der Schule nicht mehr mitkommen, die Hausaufgaben nicht ohne täglichen Streit erledigen oder grundsätzlich unmotiviert sind. Die Eltern brauchen also genauso Hilfe wie die Kinder.

Da jede Schülerin und jeder Schüler individuelle Probleme und Schwierigkeiten hat und jede Familie anders strukturiert ist, muss Fabian Grolimund jedes Lerncoaching neu angehen. «Ich entwickle mit den Betroffenen einfache und griffige Massnahmen, die das gesamte System entlasten und von allen Beteiligten wirklich umsetzbar sind», erläutert er sein Vorgehen. Wenn es sinnvoll erscheint, wird die Lehrperson über das Lerncoaching informiert. So unterschiedlich die Wege der Lerncoachings sind, das Ziel ist immer das gleiche: Die Schülerin oder der Schüler ist schulisch entlastet, die Eltern finden Sicherheit in ihrer Rolle, und die Lehrperson kann schulisch herausfordernde Situationen mit einfachen Mitteln entspannen.


Motivationsprobleme und Stress

Aktuell beobachtet Fabian Grolimund eine Zunahme der Anfragen in folgenden Schulstufen:

In der 2. oder 3. Klasse zeigen die ersten Kinder Schwierigkeiten mit dem Unterrichtsstoff in Mathematik, haben Probleme beim Lesen oder Schreiben, sind unkonzentriert, mit der Organisation und Planung überfordert oder zeigen schon erste Motivationsprobleme.

Die Zeit des Übertritts in der 5. und 6. Klasse erleben fast alle Schülerinnen und Schüler als eine Zeit grossen Stresses. Vermehrt zeigt sich nun Prüfungsangst in allen Variationen. Dazu kommt die Angst vor dem Versagen. Oft ist diese Angst gepaart mit dem Gefühl, die Eltern und die Lehrperson zu enttäuschen.

In der Oberstufe und in weiterführenden Schulen haben nicht wenige Jugendliche grundsätzlich Probleme mit der Motivation und zeigen eine allgemeine Überforderung bei der Planung. Viele leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, die bisher nicht viel tun mussten, um gute Noten zu erhal­-

ten, erfahren nun plötzlich, dass sie dafür lernen müssen. Das verunsichert im ersten Moment. Andere schieben alles bis zum

letzten Moment auf, bis sie irgendwann die Ziele nicht mehr erreichen.


Hauptkonfliktthema Hausaufgaben

Verträumte, langsame und lernschwache Kinder können ihre Hausaufgaben nicht allein angehen und erledigen. Fabian Grolimund stellt immer wieder fest, dass Hausaufgaben gerade diesen Kindern richtiggehend schaden. Sie erleben die Hausaufgaben als schwierig, unangenehm und zeitraubend. Die Eltern müssen den Kindern immer helfen, sei dies beim Schulstoff oder bei der Planung und Organisation. Dies beinhaltet viel Konfliktpotenzial, denn die Kinder sind nach den anstrengenden Schultagen müde, und die Eltern möchten die Hausaufgaben schnell erledigt sehen. Gelangen Eltern mit diesem Problem an Fabian Grolimund, erarbeitet er im Lerncoaching mit ihnen die Planung der Hausaufgaben und die Förderung der Selbstständigkeit des Kindes.

Lehrpersonen empfiehlt Fabian Grolimund, die Kinder beim Eintragen der Hausaufgaben zu beobachten und zu unterstützen. Gemeinsam mit dem Kind können sie eine Obergrenze der Hausaufgabenzeit vereinbaren. «Alle Ideen, die die Freiwilligkeit und das Können in den Mittelpunkt stellen und auf Zwang verzichten, erleichtern den Umgang mit den Hausaufgaben enorm», sagt Fabian Grolimund und nennt als Beispiel die «Ich kann-Hausaufgaben». Dabei bestimmen die Schülerinnen und Schüler selbst über die Form, den Inhalt und die Dauer ihrer Hausaufgaben. Auch der Hausaufgabenkiosk mit verschiedenen Angeboten, aus denen die Schülerin oder der Schüler eigenverantwortlich auswählt, entlastet die meisten Lernenden.


Noten – das ewige Problem

Schülerinnen und Schüler, die regelmässig schlechte Noten erhalten, empfinden sich zunehmend als Verliererinnen und Verlierer. Dieses Selbstbild wird verstärkt, wenn sich trotz aller Bemühungen und Anstrengungen keine Verbesserung einstellt.

«Hier», sagt Fabian Grolimund mit Nachdruck, «hilft einzig, dass Eltern und Lehrpersonen den Kindern und Jugendlichen das Gefühl von Geborgenheit und Anerkennung geben – unabhängig von schulischen Leistungen. Wenn diese zentralen Beziehungen stimmen, sind schlechte Noten für die Betroffenen etwas leichter zu ertragen.»


Einen emotionalen Bezug aufbauen

Lehrpersonen, die ein Klima der Dazugehörigkeit schaffen, Konkurrenz vermeiden und sich regelmässig die zwei grundlegenden Fragen «Welche Gefühle empfindet das Kind während des Lernens?« und «Welche Ziele und Anliegen verfolge ich?» stellen, achten schon während der Unterrichtsplanung gezielt auf das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler.

Während des Lernens wird bei den Lernenden auch der emotionale Bezug zum Fach aufgebaut. Wer hier ansetzt, baut Angst ab oder lässt sie idealerweise gar nicht erst aufkommen. Hilfreich ist auch, wenn Lehrerinnen und Lehrer grundsätzlich häufiger gelungene Momente hervorheben als Misslungenes tadeln.

«Schule muss nicht immer Spass machen», hält Fabian Grolimund abschliessend fest, «Lernende sollen sich aber immer willkommen und sicher fühlen.»

Fabian Grolimund

Fabian Grolimund lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Fribourg. 

Er ist Psychologe (FSP), Lerncoach und Autor. Seine Bücher sind bei Eltern und Lehr­personen gleichermassen bekannt und beliebt.

Gemeinsam mit Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich.