Welche Kompetenzen für die Zukunft?

07. Mär 2022

Welche Kompetenzen für die Zukunft?

In den Lehr- und Bildungsplänen sind zahlreiche Kompetenzen beschrieben, die zur individuellen Lebensgestaltung benötigt werden. Welche sind im Hinblick auf die Entwicklung der Lebens- und Arbeitswelt besonders wichtig?

Die (empirische) Evaluation des Lehrplans 21 ist noch im vollen Gang. Trotzdem macht man sich auf strategischer Ebene bereits Gedanken darüber, welche Kompetenzen an der Schule von heute für die Zukunft vermittelt werden sollen. Klimawandel, machtpolitische Veränderungen in der Welt, Digitalisierung, die Langzeitfolgen der Corona-Pandemie – verschiedene Trends lassen die Zukunft als höchst unsicher erscheinen. In solchen Umbruchsituationen werden von der Forschung gesellschaftliche Szenarien entwickelt, während sich die pädagogische Praxis mit konkreten Visionen des Lernens beschäftigt.


Vier Zukunftsszenarien
Forschung und Praxis beschäftigen sich dabei mit den sogenannten «future skills». So hat beispielsweise das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) in Rüschlikon im Auftrag der Jacobs Foundation 2020 die «future skills»-Studie publiziert. Die Studie befasste sich mit der Frage, welche Fähigkeiten – oder eben Kompetenzen – die Menschen für die Zukunft überhaupt brauchen.

Studienleiter Jakub Samochowiec des GDI stellt gleich zu Beginn klar, sie seien «keine Spezialisten für Pädagogik». Vielmehr interes­siere sich das GDI für Trends und für mögliche Zukunftsszenarien im gesamtgesellschaftlichen Kontext. «Mit der ‹future skills›-Studie wollen wir Orientierung stiften bezüglich der Frage, welche Kompetenzen in Zukunft gefragt sein werden», sagt Jakub Samochowiec. Dazu wurden vier verschiedene Zukunftsszenarien für die Schweiz im Jahre 2050 ausgearbeitet und für jede der vier skizzierten Welten Fähigkeiten und Eigenschaften abgeleitet, die notwendig wären, um darin zu bestehen und zu gedeihen.

Wissen, wollen, wirken
Die Kompetenzen wurden in die Kategorien «Wissen» (Analyse des Ist-Zustands), «Wollen» (Definition des Soll-Zustands) und «Wirken» (Diskrepanzreduktion zwischen Ist- und Soll- Zustand) eingeteilt (vgl. Kasten). Welche sind nun diese «future skills», die die Schülerinnen und Schüler «fit» machen für die Gestaltung der Welt von morgen? «Kinder und Jugendliche müssen lernen, sich flexibel und selbstbestimmt mit Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen», sagt Jakub Samochowiec. «Das gelingt nur im Kollektiv. Statt auf einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zu warten, geht es darum, in kleinen Gemeinschaften Neues auszuprobieren, Experimente zu wagen.»

In einem nächsten Schritt wurden die Kompetenzen ca. 170 Lehrpersonen unterbreitet mit der Aufgabe, auf einer Notenskala zu bewerten, inwiefern diese Kompetenzen an ihrer Schule unterrichtet und gefördert werden. Das Urteil in Form einer Schulnote sollte auf der Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Ver­mittlung und der vermeintlich idealen Förderung dieser Kompetenzen basieren.

Ein Blick auf die Ergebnisse* zeigt die höchsten Noten für die Förderung von Sozialkompetenz, also Arbeit in Gruppen (4,4) und die Fähigkeit, eigene Ideen präsentieren zu können (4,5), die Vermittlung von Grundlagenwissen wird ebenfalls noch als genügend taxiert. Am Ende der Skala rangiert mit einem Notenschnitt zwischen 2,7 und 3,7 die Vermittlung praktischer Tätigkeiten. In diesem Bereich sehen die Lehrpersonen die grösste Diskrepanz zwischen Notwendigkeit und Qualität der Vermittlung an Schulen.

Am Ende des Studienberichts leitet das GDI konkrete Implikationen für die Vermittlung von Kompetenzen an den Schulen ab: «In der Schule ist das Experimentieren in Kleingruppen zu üben, anhand von Gruppenprojekten. Kinder und Jugendliche sollen lernen, die Inhalte solcher Projekte möglichst selbst zu bestimmen. Nur so können sie Eigenantrieb entwickeln, Ziele definieren und in der Gruppe Entscheidungen treffen – und damit Verantwortung übernehmen.» Zur Förderung der so verstandenen Selbstbestimmung sei es hilfreich, Gruppenprojekte mit praktischen Tätigkeiten zu verbinden: Beispielsweise mit dem Bau eines Möbels, dem Pflegen eines Gemüsegartens oder dem Austausch eines kaputten Handy-Bildschirms. «Diese praktischen Fähigkeiten sind leider genau jene Kompetenzen, die gemäss Umfrage an den Schulen am wenigsten gefördert werden», so das Fazit der Studie.