Lehrplan 21 - meine Erfahrungen, mein Weg

07. Mär 2022

Lehrplan 21 - meine Erfahrungen, mein Weg

Der Lehrplan 21 bewegt – immer noch und immer wieder. Und das ist gut, denn es geht um die Frage, ob und wie unsere Schule und die Lernenden auf eine sich schnell verändernde Welt vorbereitet sind. Von Regina Strub.

Wie ein leises Rauschen, das immer lauter wurde, kündigte sich mir der neue Lehrplan an. Und schliesslich lag er den Kantonen vor. Das war im Oktober 2014. Der Kanton Solothurn führte ihn auf das Schuljahr 2018/2019 ein. Vier bis fünf Jahre beraumte er für die Umsetzungs­phase ein. Ein Grossprojekt also. Dieses Grossprojekt Lehrplan 21 fiel unglücklicherweise in eine Zeit, in der sich die meisten Lehrpersonen über Reformmüdigkeit beklagten. Verständli­cherweise. Denn die Reihe an einschneidenden Veränderungen wollte nicht abreissen.

Turbulente Zeiten, turbulenter Start
Angefangen hatte es 2003 mit dem Schulversuch «Integration», der schliesslich zur heute gesetz­lich verankerten Form der Inklusion führte. Ab 2004 wurden flächendeckend geleitete Schulen eingeführt, und Schulkommissionen wurden von Schulleitungen abgelöst. 2006 stimmte die Schweizer Bevölkerung dem Bildungsartikel «HarmoS» zu. Als Folge wurde viel Neues ein­geführt: Blockzeiten, Tagesschulen, das zwei­jährige Kindergartenobligatorium, Frühfranzö­sisch, Frühenglisch und Medienunterricht bzw. Informatische Bildung sowie die Wiederein­führung der Schulnoten ab der 1. Klasse. Nicht zu vergessen: die Sek I-Reform. Seit dem Schul­jahr 2011/2012 werden im Kanton Solothurn drei statt wie bis anhin fünf Oberstufenniveaus angeboten. Natürlich musste im Zuge dessen das Übertrittsverfahren auch angepasst werden – dies erfolgte sogar zweimal, einmal mit einem Prüfungsverfahren und nun wieder ohne. Alles wichtig. Und alles zeit- und kraftintensiv.

Wie kann man reformmüde Lehrpersonen für ein neues Grossprojekt gewinnen? Dieser Her­ausforderung stellte sich Remo Ankli, der 2013 in den Solothurner Regierungsrat gewählt wor­den war. Obschon er mit seiner unaufgeregten und überlegten Art überzeugte, regte sich Wi­derstand. Dieser gipfelte im Mai 2017 in der Volksinitiative «Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21». Diese wurde mit 65,65 Pro­zent Nein-Stimmen zwar recht deutlich abge­lehnt, aber gut ein Drittel der Abstimmenden war gegen die Einführung des Lehrplans 21 oder misstraute diesem zumindest.

Anfangs gehörte auch ich zu den Misstrauischen. Am Ende lehnte ich die Initiative jedoch ab. Warum? Bildungsexpertinnen und -experten erklärten an einer Informationsveranstaltung, der neue Lehrplan sei gar nicht so neu, sondern berücksichtige bloss die Entwicklungen der letzten 30 Jahre und halte diese fest. Wichtig sei er in erster Linie für Lehrmittelverlage. Dass sich ein Lehrplan an Kompetenzen orientiert, fand ich damals und finde ich heute einleuch­tend. Mit Kompetenzen eignen sich die Lernen­den Wissen und Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Denkweisen und Strategien an, die sie beim Betrachten von Sachverhalten und beim Lösen von Aufgaben innerhalb und aus­serhalb der Schule anwenden können. Dagegen war nichts einzuwenden. Im Gegenteil.

Aller Anfang ist schwer
So sass ich eines heissen Sommertages mit 200 Lehrpersonen in der Aula des Schulhauses und erhielt erste Einblicke in diesen viel diskutier­ten Lehrplan 21. Zuerst irritierte mich die rein digitale Form etwas, dies legte sich jedoch bald. Was sollte ich aber mit Hunderten von Kompe­tenzformulierungen anfangen? Die schiere Anzahl erschlug mich. Ich war damals kom­plett überfordert und konnte mir die konkrete Arbeit mit diesen vielen Kompetenzen nicht vorstellen. Die Dozierenden machten ihre Sa­che gut und versuchten alles, damit wir Lehre­rinnen und Lehrer am Ende mit einem positi­ven Gefühl aus der Veranstaltung gehen konnten. Bei mir klappte dies damals nicht. In den nächsten Jahren folgten weitere obligato­rische Weiterbildungen zum neuen Lehrplan. Einige davon fand ich hilfreich, andere weni­ger. Aber langsam begann ich, dieses mons­tröse Gebilde «Lehrplan 21» zu verstehen.

Als meinen ganz persönlichen Durchbruch bezeichne ich heute eine kleine Sequenz in einer

dieser obligatorischen Veranstaltungen: Wir sollten aufschreiben, über welche Kompetenzen ein junger Mensch am Ende der elf Schuljahre verfügen muss, damit sie oder er in der heutigen Welt zurechtkommt. Beim abschliessenden Be­trachten fiel auf, dass gar nicht so viel auf dem Flipchart stand und dass sich dies eigentlich sehr gut in die elf Jahre einteilen liesse. Diese Erkenntnis begleitet mich bis heute und be­stärkt mich in meinem Motto «Mut zur Lücke».

Gemeinsame Planung
Eine weitere Folge dieser Weiterbildungen war die bewusste, gemeinsame Wahl der Lehrmit­tel und Beurteilungsformen. Da der Lehrplan die Kompetenzen nun in Zyklen und nicht mehr in Schuljahren bzw. -stufen ausweist, waren und sind vermehrt verbindliche Abspra­chen gefragt. Die Schülerinnen und Schüler sollen während des Zyklus eine möglichst hohe Kontinuität erfahren. Auf Gewohntes und Lieb­gewonnenes zu verzichten, fand ich nicht im­mer einfach, doch diese gemeinsame Arbeit bewährte sich sehr. Nicht nur die Lernenden profitierten von dieser gemeinsamen Vorberei­tungsarbeit, auch ich konnte viel Neues oder einfach auch anderes mitnehmen und in mei­nen Unterricht einfliessen lassen.

Speziell für den Aufbau der überfachlichen Kompetenzen sind interdisziplinäre und zyk­lenübergreifende Absprachen zwingend nötig. Die Rolle der Lehrperson als Lernbegleiterin oder Lernbegleiter wird durch die Kompetenzorientierung deutlich ausgeprägter, und das systematische Diagnostizieren und Fördern der Lernenden wird noch anspruchsvoller, stelle ich mit Respekt fest. Besonders zentral sind für mich das Erschliessen und Fördern nichtkognitiver Aspekte bei den Lernenden wie beispielsweise Motivation und Selbstkon­zepte. Regelmässige gemeinsame Austauschrunden festigen den Umgang damit und zeigen den Wert dieser Arbeit auf. Und: Der Austausch bereichert und fördert schlummernde Ressour­cen im Team zutage – das stelle ich beglückt immer wieder fest. Mithilfe verschiedener Aus­legeordnungen konnten wir mittlerweile eine stattliche Sammlung dienlicher Instrumente anlegen.

Der Lehrplan 21 im Jahre 2022 – Chancen und Gefahren
Unterdessen kann ich dem Lehrplan 21 viel Gutes abgewinnen, das ich nicht mehr missen möchte. Meine Erfahrung zeigt beispielsweise, dass die Lernenden – ich unterrichte in einer 5./6. Klasse – sehr gut mit formativen Beurtei­lungsformen umgehen können. Anders als landläufig behauptet, lernen sie nicht weniger als bei «richtigen» – sprich benoteten – Tests und geben sich auch nicht «weniger Mühe». Da hierbei der Fokus auf das individuelle Können gelegt und anschliessend darüber reflektiert wird, ist individueller Fortschritt sichtbar, und die jungen Menschen arbeiten einfach in ihrem Tempo und an ihren Themen weiter.

Auch von etwas anderem dürfen wir uns verabschieden. Wir brauchen die Wissensver­mittlung nicht mehr gegen die Kompetenzver­mittlung auszuspielen. Denn heute wissen wir: Lernen funktioniert vielschichtig. Die wichtigste Kompetenz aller Beteiligten ist wohl die, sich einfach auf Unterrichtssituationen einzulassen. «Du kannst Schule nicht planen, nur gut vorbe­reiten», sagte mir einmal eine Lehrerin und traf den Nagel auf den Kopf. Sich einlassen und entstehen lassen. Auch dafür brauche ich Mut.

Als Lehrerin und Lehrmittelautorin gehört die Arbeit mit dem Lehrplan 21 heute zu mei­nem täglichen Brot. Die Kompetenzorientie­rung an sich ist nichts Neues. Lehrpersonen vermitteln den Schülerinnen und Schülern seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten, Kompeten­zen, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Fachwissen und Haltungen. Neu sind die Formulierungen und der Zeitaspekt. Schülerinnen und Schüler haben nun zweimal vier und einmal drei Jahre Zeit, um diese Kompetenzen zu erwerben. Solange wir jedoch an gleichzeitigen Vergleichtests mit für mich fragwürdigen Notensystemen festhal­ten, werden sich die Lernenden nicht wirklich frei und individuell entwickeln können. In der Tat stelle ich momentan zwei entgegengesetzte Entwicklungen fest. Einerseits wird die Ver­mittlung von Kompetenzen und Fertigkeiten immer individueller, auf der anderen Seite gibt es eine zunehmende Tendenz, standardisierte Tests durchzuführen. Diesem Problem des Aus­einanderdriftens werden wir uns in baldiger Zukunft stellen müssen.

MATHWELT 2 digital

Regina Strub unterrichtet an einer 5./6.
Klasse in Bolken im Kanton Solothurn und ist Lehrmittelautorin von «SPRACHWELT 2».