Mathematik vom Kind aus gedacht

11. Aug 2021

Kinder nähern sich mit «MATHWELT 1» in drei Phasen mathematischen Konzepten an. Dem Fachdidaktiker, «MATHWELT 1»- und Lehrplan 21-Autor ist das freie Spiel besonders wichtig.

Nadine beschreibt im Mathematikunterricht ihre Familie. Sie zeichnet in einem Kreis Symbole für Mama und Papa und notiert daneben die Zahl 2. Sich selbst und ihre Geschwister bildet die Erstklässlerin in einem zweiten Rahmen ab – und notiert auch hier wieder eine Zahl: 4 für vier Kinder. Über den beiden Rahmen zeichnet sie ihre drei Puppen und notiert die Zahl 3, daneben erkennen wir einen Geburtstagskuchen mit 5 Kerzen – und daneben die Zahl 7. Ein Fehler!


Im Idealfall selbst entdecken

Fiktiver Auftritt der Lehrperson. Sie hat Nadines Fehler bemerkt und lässt ihre Schülerin fünf Kartonplättchen auf den Tisch legen, dann nochmals fünf, am Schluss soll Nadine alle Plättchen zählen und das Resultat notieren. «Dadurch entmündigt die Lehrperson das Kind», kritisiert Kurt Hess, Professor und Dozent für Mathematikdidaktik an der PH Zug und Autor des Stufenlehrmittels «MATHWELT 1» für den 1. Zyklus. Die Lehrperson signalisiere dem Kind auf diese Weise, sie selbst sei die Gescheiteste, nur sie könne denken. «Kinder werden dazu degradiert, durchzuführen, was die Lehrperson vorgibt, und das ist verheerend.»

Was soll eine Lehrerin, ein Lehrer in dieser Situation denn (besser) machen? «Wir könnten Nadine fünf oder sieben Sachen zeichnen und anschliessend mit dem Steckbrief vergleichen lassen», sagt Kurt Hess. «Sie könnte schauen, ob ein anderes Kind einen ähnlichen Kuchen gezeichnet hat und welche Zahl dort steht. Nadine sollte im Idealfall selbst entdecken, dass sie 7 geschrieben und fünf Kerzen gezeichnet hat.»


Die Kraft des Austausches

Der Austausch zwischen den Schülerinnen und Schülern ist Kurt Hess sehr wichtig. «Ich setzte in ‹MATHWELT 1› extrem auf die Kraft des Aus­tausches zwischen den Lernenden», betont er. Damit dieser Austausch Sinn mache, sei es nötig, Heterogenität nicht nur zu tolerieren. Vielmehr müssten wir die Heterogenität bejahen – und wollen. Die Unterschiede zwischen den ori­­ginalen Leistungen der Kinder müssten sichtbar werden, und dabei gehe es keinesfalls darum, sie zu bewerten, betont Kurt Hess. «Wichtig ist, dass Kinder möglichst motiviert sind, dass ihnen die ersten Annäherungen an mathematische Konzepte Freude bereiten und dass sie diese Begeisterung und die gezeigte Neugierde mitnehmen auf ihrem Weg zur Annäherung an weitere mathematische Kompetenzen.»