Mein Weg zum Design Thinking

11. Aug 2021

Design Thinking, ein Ansatz zur Lösung von Problemen und der Entwicklung neuer Ideen, ist zu einem Trend geworden, der auch das Bildungswesen erfasst hat. Was will Design Thinking im Bildungskontext, und wie hat es den Weg der Autorin geprägt? Von Stella Stejskal.

«Design Thinking – in aller Munde», sagt meine Freundin Regina, die Grafik-Designerin, schmun­zelt und zwinkert mir zu. Sie hat recht: Design Thinking, ursprünglich ein Innovationsansatz aus der Produktentwicklung, hat seit 2003 in vielen Bereichen Einzug gehalten, auch in der Bildung. Die grundsätzliche Idee dahinter: Mehr Menschen sollen denken und arbeiten wie Designerinnen und Designer, also erst die Problemstellung aus allen Perspektiven erforschen und erst nachher gemeinsam die Ideen zur Lösung sprudeln lassen. Schön – und was soll das nun in der Schule?

Die Freude am Lernen entfaltet sich vor allem dann richtig, wenn ein Thema mich berührt. Das habe ich in meinen bisher 19 Jahren als Lehrperson begriffen und verinnerlicht. Meist bildet eine lebendige, spielerische und praxisbezogene Art das Fundament für nachhaltige Lernerfolge. Und genau hier setzt Design Thinking an. Die Methode kann Kindern und Jugendlichen dabei helfen, sich selbst als Gestaltende ihrer Umwelt zu begreifen. Das ist nicht nur gut für die Lernenden, sondern auch für die gesamte Gesellschaft, die auf neue Ideen angewiesen ist.

Der steile Einstieg

«Du musst auf dich Acht geben. Die Schülerinnen und Schüler sind in drei Jahren wieder weg, du hingegen bist hier lebenslänglich.» Mit diesen gut gemeinten Worten hat mich ein älterer Lehrerkollege in mein Amt eingeführt, als ich 2002 begann, in der Innerschweiz zu unterrichten. Dort herrschte damals Lehrpersonenmangel, und so schrieb man Lehramtskandidatinnen und -kandidaten im deutschsprachigen Ausland an. Aus ganz Österreich und dem Süden Deutschlands kamen sie, denn ein Schweizer Jahresgehalt wirkte zunächst mal verlockend. Ich kam direkt aus England, wo ich ein Jahr als Language Assistant und Stellvertretungslehrperson verbracht hatte. Trotz dieser Erfahrung war der Einstieg als Klassenlehrperson eines 8. Schuljahrs mit 32 Lektionen Unterricht heftig. Die Jugendlichen wollten mehrheitlich den Übertritt an die Kantonsschule schaffen – meist auf Druck der Eltern. Die Erwartungen an mich waren dementsprechend hoch.

Ich schlug mich durch, gewann Oberhand und stetig mehr Freude an meiner Tätigkeit. Gleichzeitig wuchs in mir mit jedem Unterrichtsjahr die Vermutung und der Wunsch, dass Schule auch ganz anders sein könnte: offener, vielseitiger und der Welt zugewandt.


Mehr begleiten, weniger kontrollieren

Ein Jahr später, bei einer Weiterbildung in Finnland, wurde uns vermittelt: «Ihr müsst das Lernproblem bei den Lernenden belassen». Das war für mich ein Aha-Moment. Ich begriff, dass ich mehr begleiten, mehr ermöglichen, mehr vertrauen und viel weniger kontrollieren muss – zu meinem Wohl und zu dem meiner Schülerinnen und Schüler. Jahre später erhielt ich die erste Anfrage von einer Familie. Ihr Sohn funktioniere in der Schule nicht und sei zum Time-Out Schüler geworden. «Untragbares Verhalten im Unterricht», fand seine Lehrperson. «Der nervt», fanden die Mitschülerinnen und Mitschüler. «Die verstehen mich nicht», fand der Betroffene, dem nun die Sonderbeschulung drohte. Die Eltern wollten dies vermeiden und entschieden sich daher fürs Home-Schooling. Im Kanton Bern brauchte es zu dessen Begleitung eine diplomierte Lehrperson. Diese Person wurde ich.

Auf ihn folgten bald weitere Schülerinnen und Schüler, die eine begleitende Lehrperson fürs Home-Schooling suchten. Um all diesen Kindern trotzdem ein soziales Lernen in der Gruppe zu ermöglichen, gründete ich eine Lern­gruppe. Ich schloss mich mit einer Primarlehrerin zusammen. Gemeinsam betreuten wir neun Lernende zwischen 7 und 14 Jahren, mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Mit dieser heterogenen Gruppe konnten wir gar nicht anders, als projektbezogen und individualisiert zu unterrichten. Um mit den Lernenden die bestmöglichen Erfolge zu erzielen, mussten wir ihre Bedürfnisse genau kennen und verstehen. Das ist exakt auch die Grundlage von Design Thinking: Die Bedürfnisse der Zielgruppe möglichst genau erforschen.

Was wir mit diesen Kindern und Jugendlichen aufbauen durften, war grossartig. Lesen lernten sie durchs Schreiben fantastischer Geschichten, Französisch und Englisch im Austausch mit anderssprachigen Menschen, Mathe durch Finanzbeschaffung und Buchhaltung für ein Gruppenprojekt, die Bedeutung von Strom und Energie durch eine Woche ohne Strom und politische Bildung durch die Gründung der Klima­bande sowie durch den Zusammenschluss mit den Klimaseniorinnen und -senioren und den Gang vors Bundeshaus während einer Session.

Stella Stejskal

Geboren 1978 in Wien, Studium der Pädagogik in Wien, Anglistik und Sport­wissenschaft in Bern. Nach einer Unterrichtstätigkeit in England seit 2002 als Lehrerin in der Schweiz tätig.