Der leere Raum: Freiraum für fantasievolles Spiel

01. Dez 2021

Der leere Raum: Freiraum für fantasievolles Spiel

Im «Spielzeugfreien Kindergarten» können Kinder neue Spielwelten entdecken und dabei ihre Lebenskompetenzen stärken. Ein Interview mit Cornelia Rüdisüli, die das Projekt umgesetzt und anschliessend wissenschaftlich untersucht hat. Von Verena Eidenbenz.

Das Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten » stammt aus Deutschland und wurde dort in den 1990er-Jahren als Instrument für die Suchtprävention entwickelt. Auch in der Schweiz findet die Idee Anklang. Was war Ihre Motivation, das Projekt aufzunehmen?

Cornelia Rüdisüli: An einer Berufseinführungsweiterbildung an der PH habe ich das Projekt kennengelernt. Das kindliche Spiel hat mich schon immer interessiert und fasziniert. Ich war neugierig, denn das Projekt lässt viel Freiraum für die Spielideen der Kinder.

Wie haben Ihre Kindergartenkinder reagiert und den spielzeugfreien Leerraum genutzt?

Die Kinder haben sich sehr gefreut und waren nicht traurig, als wir die Spielsachen gemeinsam weggeräumt haben. Auch dass einige Regeln aufgehoben wurden, wie zum Beispiel das Verbot, im Raum umherzurennen und auf Tische zu klettern, haben sie positiv aufgenommen. Allerdings war es anfangs ziemlich chaotisch und laut. Die Kinder haben sich den neuen Freiraum erobert und alles ausgetestet, was neu erlaubt war. Aber das wilde Spiel legte sich sehr bald.

Welche Beobachtungen haben Sie bei Ihren Kindergartenkindern gemacht?

Aus dem chaotischen Explorationsspiel entstanden bald Spielinhalte, die fliessend ineinander übergingen. Aus den Gefängnissen aus dem Räuber-Polizei-Spiel wurden Häuser für andere Spielzwecke. Auch die Gruppenkonstellationen änderten sich und machten einer vielfältigeren Durchmischung Platz, insbesondere was die Mädchen und Knaben betraf. Die Kinder machten in verschiedenen Bereichen grosse Fortschritte. Auch die mehrsprachigen Kinder blühten auf. Sie hatten viele Übungsmöglichkeiten, waren sie doch während des Spiels dauernd aufgefordert zu kommunizieren. Ich habe auch mit dem sogenannten «blauen Stuhl» – angelehnt an das Kinderbuch von Claude Boujon – gearbeitet. Auf diesem Konfliktlösestuhl konnten die Kinder ihre Probleme und Bedürfnisse einbringen und gemeinsam mit der Klasse verhandeln und Lösungen suchen. Viele Besucher und Besucherinnen – Eltern und andere Lehrpersonen – waren beeindruckt, wie gut das den Kindern gelang. Schön waren auch die fantasievollen Spielideen, die Ausdauer, das Selbstvertrauen und die Freude an der Autonomie.

Cornelia Rüdisüli

promoviert an der Pädagogischen Hochschule Zürich zum Thema «Kindliche Playfulness im Kontext der Spiel- und Lernumgebung» und ist Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen. Sie ist ausgebildete Kindergarten und Unterstufenlehrperson und unterrichtete mehrere Jahre als Klassenlehrperson im Kindergarten.