Raus aus der Ohnmacht

28. Jun 2024

Immer mehr Schulen setzen auf das Konzept der Neuen Autorität. Doch wie können die Schulkultur und der Umgang miteinander dauerhaft verändert werden? Ein Besuch in der Schule Im Birch in Zürich Oerlikon, die von Regina Haller geleitet wird.

Immer mehr Schulen setzen auf das Konzept der Neuen Autorität. Doch wie können die Schulkultur und der Umgang miteinander dauerhaft verändert werden? Ein Besuch in der Schule Im Birch in Zürich Oerlikon, die von Regina Haller geleitet wird.

Text: Michael Zollinger / Fotos: Peter Würmli

«Wenn Eltern schlecht über die Schule denken und reden, kann das Kind nichts mehr von uns annehmen.»

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Sie liegt mitten im Entwicklungsgebiet Zürich Nord und ist eine der grössten Schulen im Land. Mehr als 750 Kinder vom Kindergarten bis zur Oberstufe lernen täglich in der Schule Im Birch. Für über 100 Mitarbeitende in grösseren und kleineren Pensen ist der Bau aus dem Jahr 2004 Arbeits- und Wirkungsort. Geleitet wird die Schule von einer dreiköpfigen Schulleitung. Gesamtschulleiterin ist Regina Haller – und das seit bald 20 Jahren. 

Haller sitzt in ihrem Büro, das eine wahre Fundgrube ist – mit Setzkästen voller Nippes, ausgestopften Tieren und verschiedenen Spielecken. Der Arbeitsraum ist nicht nur für Kinder eine Augenweide. Im Brustton der Überzeugung sagt sie: «Das Konzept der Neuen Autorität funktioniert. Es ist immer aufgegangen. Das motiviert uns alle sehr. Wir haben jetzt viel weniger Fälle, die wir an die Kreisschulpflege delegieren müssen, weil wir nicht mehr weiterwissen, und wir haben eine weit breitere Palette an Handlungsmöglichkeiten.» Das hat man in Zürich Oerlikon freilich nicht von heute auf morgen geschafft. Die Schule hat im Rahmen eines mehrjährigen Schulentwicklungsprozesses Schritt für Schritt eine Haltung entwickelt und Handlungen ritualisiert, die das gesamte Team entlasten.

Die Ursprünge

Es ist das Jahr 2011, als Schulleiterin Haller an einem Kongress in Bern erstmals von der Neuen Autorität hört. Der israelische Psychologe Haim Omer hat das Konzept bereits Mitte der 80er Jahre aus der systemischen Arbeit zur Unterstützung hoch eskalierter Familiensysteme entwickelt, etwa für Familien, in denen Kinder die Eltern bedrohen oder gar schlagen. Nach dem Kongress verschlingt Regina Haller Omers Buch «Stärke statt Macht», das dieser zusammen mit dem deutschen Psychologen Arist von Schlippe verfasst hat. Sie ist fasziniert vom Konzept, das einen neuen Autoritätsbegriff propagiert. Präsenz und Nähe anstelle von Macht und Distanz stehen im Vordergrund, dazu die Säulen Vernetzung, Beharrlichkeit, Widerstand, Deeskalation und Aufschub sowie Selbstkontrolle und Wiedergutmachung. «Mir gefiel und gefällt bis heute, dass der Begriff Autorität drin ist, schliesslich haben die Kinder das Recht auf Begleitung, Führung und Schutz und darauf, dass wir ihnen Leitplanken setzen.» Haller hat sich in den Folgejahren intensiv mit dem Konzept befasst. 2018 wird sie gar zur Sachbuchautorin, sie veröffentlicht gemeinsam mit Haim Omer «Raus aus der Ohnmacht – Das Konzept Neue Autorität für die schulische Praxis». Das Buch ist nicht nur Pflichtlektüre für jede neue Lehrperson in der Schule Im Birch, sondern längst im ganzen Schweizer Schulwesen bekannt und geschätzt.