Start ist geglückt, aber...

07. Mär 2022

Start ist geglückt, aber...

Die Diskussion um den Lehrplan 21 war heftig, die Einführung verlief ruhig, die ersten Erfahrungen sind gemacht. Welches erste Fazit ziehen Verantwortliche aus den Kantonen Obwalden und Bern, und wo liegen die Herausforderungen?

Die Erarbeitung eines gemeinsamen Lehrplans von 21 Kantonen war ein grosser Schritt in der föderalistischen Bildungspolitik der Schweiz. Das 2014 von der Deutschschweizer Erzie­hungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) freigege­bene Dokument ist für Schulen, pädagogische Hochschulen und Lehrmittelverlage seither die zentrale Grundlage für ihre jeweilige Aufgabe.

Chance für Weiterentwicklung
Francesca Moser leitet das Amt für Volks- und Mittelschulen des Kantons Obwalden. Zuvor war sie als Co-Projektleiterin mitverantwort­lich für die Erarbeitung des Lehrplans 21. «Es scheint mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Kanton Obwalden die Einführung des Lehr­plans erst in diesem und im nächsten Jahr eva­luieren wird. Zurzeit liegen deshalb noch keine genauen empirischen Daten vor», sagt die aus­gebildete Primarlehrerin und studierte Psycho­login. «Trotzdem lässt sich festhalten, dass der neue Lehrplan im Kanton Obwalden gut aufge­nommen wurde. Die Schulen haben den Lehr­plan primär als Chance zur Weiterentwicklung verstanden. In der Umsetzung sind aber nicht alle Schulen gleich weit, schliesslich geniessen sie eine weitreichende Autonomie.»

Eine grosse Herausforderung sieht Francesca Moser in der Frage, wie die vermittelten und erlernten Kompetenzen in den Klassenzim­mern am besten zu beurteilen sind. «Die Ent­wicklung einer kompetenzorientierten Beurtei­lungskultur ist noch nicht abgeschlossen und wird wohl noch einige Jahre andauern.»

Kompetenzorientierung angekommen
Auch Erwin Sommer, Leiter des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung des Kantons Bern, zieht ein erstes Fazit zur Einführung des Lehrplans im Schuljahr 2018/19: «Die Kompetenzorientierung ist mit der Einführung des Lehr­plans 21 in den Schulen angekommen.» Dabei betont er insbesondere die konkrete Umset­zung im Unterricht durch kompetenzorien­tierte Aufgaben. «Reichhaltige Aufgaben be­geistern und motivieren die Schülerinnen und Schüler. Sie lassen verschiedene Lösungswege zu, ermöglichen die Kooperation mit anderen Schülerinnen und Schülern und reduzieren monotones Auswendiglernen und einseitiges Abfragen von Wissen», fasst Erwin Sommer die Veränderungen aufgrund der Kompetenzorien­tierung zusammen.

Damit würden laut Erwin Sommer Kompe­tenzen gefördert, die es in Zukunft brauche, um die heute noch nicht bekannten Probleme zu lö­sen: Kreativität, Kommunikation, Kooperation.

In letzter Zeit sind erste kantonale Berichte über die Überprüfung der Lehrplaneinführung erschienen. Sie verstärken den Eindruck: Grundsätzlich ist Ruhe eingekehrt, doch die Einführung braucht Zeit. Die Erarbeitung und der Einsatz von guten Aufgaben, die eben ge­nau die angestrebten Kompetenzen fördern sowie die Beurteilung, ob und wie gut dies er­reicht wird, sind und bleiben die zwei zentralen Herausforderungen.

Kantonale Evaluationen
Man darf deshalb darauf gespannt sein, was die anstehenden kantonalen Evaluationen über die Wirkungen des kompetenzorientier­ten Unterrichts ergeben werden. Dann wird sich auch zeigen, ob, wann und in welchen Bereichen der Lehrplan 21 weiterentwickelt werden müsste.

Schulen im Aufbruch
Die Einführung des Lehrplans 21 hat vielenorts Unterrichtsentwicklungen ausgelöst. Weil die Kompetenzorientierung das Lernen der Kinder ins Zentrum rückt, gerät die Unterstützung und Begleitung der Lernenden durch die Lehrpersonen automatisch auch in den Fokus. Sinnbildlich für diese Entwicklungen sind die Stärkung der formativen Beurteilung und die Probleme mit der traditionellen summativen Beurteilung.

Die Aufbruchstimmung und die zahlreichen Initiativen zu neuen Visionen von Schule und Unterricht sind getrieben von der Diskussion um die Digitalisierung. Die Folgen der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche und die damit aufkommenden Fragen für das Lehren und Lernen sind seit Jahren ein dominantes Thema im Bildungsbereich. Die Erfahrungen mit Fernunterricht haben aber der Diskussion eine neue Richtung und mehr Tiefe gegeben, weil die soziale Funktion von Schule für die Kinder, deren Familien und die Gesellschaft insgesamt wieder sichtbar wurde. Sie haben eindringlich aufgezeigt, wie wichtig Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken für die Gestal­tung des menschlichen Lebens sind – für die Kinder und Jugendlichen genauso wie für die Lehrpersonen, digital ebenso wie analog.

In den nächsten Ausgaben rückt «profil» Schulen in den Fokus, die daran sind, die genannten Kompetenzen Schritt für Schritt umzusetzen, die den Aufbruch wagen. Die Zeit ist reif dafür.