Was interessiert dich eigentlich?

07. Mär 2022

Was interessiert dich eigentlich?

Der Projektunterricht etabliert sich in den Schulen mehr und mehr. Warum eine gute Einführung und die Bereitstellung von Ressourcen wichtig sind, wissen die beiden Profis Angela Brun und Claudia Zimmerli-Rüetschi. Von Agathe Schudel.

Der Projektunterricht etabliert sich in den Schulen mehr und mehr. Warum eine gute Einführung und die Bereitstellung von Ressourcen wichtig sind, wissen die beiden Profis Angela Brun und Claudia Zimmerli-Rüetschi. Von Agathe Schudel.

«Es ist einfach schön, während eines ganzen Jahres Zeitfenster im Stundenplan zu haben, in denen man an etwas dranbleiben und etwas vorantreiben kann», erinnert sich Angela Brun, Beauftragte Zyklus 3 in der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern, an ihre Zeit als Lehrerin – und meint das Abschlussprojekt in der 9. Klasse, gleichsam die Krönung des Projektunterrichts. Auf Initiative der PH Luzern führte der Kanton Luzern als Pionier 2003 im 9. Schuljahr den Projektunterricht als Fach ein und stellte für dessen Begleitung Ressourcen in Form zusätzlicher Lektionen bereit. «Das war auch dringend nötig», meint Angela Brun, «denn Projekte begleiten ist inhaltlich, organisatorisch und zeitlich aufwendig und anspruchsvoll.»

In den Anfängen habe einfach die Klassenlehrperson den Projektunterricht übernommen. Zunehmend sei man jedoch dazu übergegangen, den Projektunterricht als Team zu gestalten. Das mache auch Sinn, erklärt Angela Brun, denn viele Projekte beanspruchten unterschiedliche Lehrpersonen mit unterschiedlichen Spezialgebieten, aber auch unterschiedliche Arbeitsorte wie zum Beispiel den Werkraum, die Schulküche, das Schulzimmer. Dadurch erhalte der Team-Gedanke unter den Lehrpersonen zwangsläufig mehr Gewicht.

«Befanden sich früher die Schülerinnen und Schüler während der Arbeit an ihren Projekten vorwiegend im Schulzimmer, so ist es heute vereinzelt auch möglich, zuhause zu arbeiten», erzählt Angela Brun weiter. Diese Entwicklung habe sich einerseits mit der stärkeren Ausrichtung auf die praktische Arbeit als auch mit der vermehrten Anwendung digitaler Mittel ergeben. Früher sei sie nachmittagelang von Schülerin zu Schüler gereist, um zu schauen, ob sie mit der Arbeit vorankommen und um sie allenfalls zu unterstützen. «Heute kommentieren und dokumentieren die Lernenden ihre Arbeit von zuhause aus in einem Blog», sagt Angela Brun.

An projektartiges Arbeiten heranführen
Zukünftige Entwicklungen des Projektunterrichts sieht Angela Brun in der Ausweitung in die Primarstufe – mit Miniprojekten – so wie das im Lehrplan 21 angedacht wurde. «Und vielleicht wird man zunehmend dazu übergehen, die Heranführung an projektartiges Arbeiten ausschliesslich formativ zu ‹beurteilen› und erst das grosse Abschlussprojekt summativ.» Das würde nach Angela Brun mehr in die Philosophie des kompetenzorientierten Projektunterrichts passen.


Kompetenzorientierung im Projektunterricht

Mit der Einführung des Lehrplans 21 haben weitere Kantone den Projektunterricht im Zyklus 3 oder im 9. Schuljahr eingeführt. Einige stützten sich dabei auf den kompetenzorientierten Modullehrplan «Projektunterricht», der von der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern auf das Schuljahr 2019/20 herausgegeben worden war.

Basierend auf diesem Lehrplan und weiteren Quellen wurden im neuen digitalen Lehrmittel «meinProjekt!» zwei Kompetenzraster entwickelt, die vielfältig verwendet werden können, unter anderem als Planungshilfe für die Lehrpersonen, als Standortbestimmung für eine Selbstbeurteilung der Lernenden zu Beginn des Projektunterrichts, als Grundlage zur Festlegung von Kriterien für die formative (und beim Abschlussprojekt auch summative) Beurteilung.

Der erste Raster bezieht sich auf die überfachlichen Kompetenzen, die im Rahmen von projektartigen Arbeiten besonders gefördert werden können. Der zweite fokussiert den fünf Phasen eines Projekts entlang besonders das selbst-ständige Abschlussprojekt am Ende der Volksschule.

Einen Einblick in dieses Element des neuen Lehrmittels finden Sie hier:

«Gerade die Beurteilung innerhalb dieser offenen Lernform stellt für manche Lehrpersonen eine grosse Herausforderung dar», bestätigt Claudia Zimmerli-Rüetschi. Sie ist Dozentin an der PH FHNW und bietet am Institut für Weiterbildung und Beratung Weiterbildungen für Lehrpersonen im Bereich Projektunterricht an. Dabei stellt sie stets wieder erstaunt fest, wie sehr die Lehrpersonen Neuland betreten, wenn es um die Beurteilung offener Projektarbeiten geht. Dafür Rüstzeug und Sicherheit zu vermitteln, ist unter anderem Ziel der 5-tägigen, übers Jahr verteilten Weiterbildung für Lehrpersonen. Der Kurs ist im BRNW für die Erteilung des Faches Projektunterricht kantonal vorgesehen und soll die Lehrpersonen dazu befähigen, Projektunterricht im Rahmen des Abschlusszertifikats durchzuführen.

«Was interessiert dich eigentlich?» – die zentrale Frage zu Beginn des Projekts
Neuland beträten Lehrpersonen auch im Verständnis ihrer eigenen Rolle. Insbesondere in der Durchführungsphase eines Projekts gelte es, so Claudia Zimmerli-Rüetschi, von der Lehr-Person zur Begleit-Person, zum Coach zu werden. Das bedinge eine andere innere Haltung zu sich selbst und zu den Schülerinnen und Schülern. Die Fragen würden nicht – wie vielleicht von früher gewohnt – von der Lehrperson an die Lernenden herangetragen, sondern diese sollten befähigt und ermuntert werden, selbst welche zu stellen. ‹Was interessiert dich eigentlich?› – das sei die zentrale Frage an Lernende am Anfang eines Projekts. Von da an gehe die oftmals abenteuerliche Expedition los. Rückschläge, Frustration, Misserfolge, Umwege, Einsichten – das alles gehöre dazu, dies seien wichtige Erfahrungen und Teil des Projekts. «Lehrpersonen wollen verständlicherweise alles gut machen und sind es gewohnt, Lernziele zu setzen, Aufträge zu entwickeln und Überlegungen zu den Kompetenzen anzustellen. Davon wegzukommen und stattdessen den Lernenden die Zügel in die Hand zu geben und ihnen damit sehr viel zuzumuten, fällt vielen Lehrpersonen schwer oder stellt zumindest eine grosse Herausforderung dar», sagt Claudia Zimmerli-Rüetschi.

Das Ganze fordere beiden Seiten einen anspruchsvollen Prozess ab: Von den Lernenden könne man nicht von heute auf morgen verlangen, selbstreguliert zu arbeiten und zu lernen. Das bedürfe eines sukzessiven Heranführens, das früh beginne. Umgekehrt müssten auch Lehrpersonen in ihre verschiedenen Rollen erst hineinwachsen und zunehmende Offenheit gegenüber den Ideen der Lernenden entwickeln. Nach und nach entstünde eine Weitsicht und eine Vorstellung davon, wie das nächste Semester ablaufen werde – mit Lernvereinbarungen, Zeitplänen und Meilensteinen.

Das Projekt 9 als Oase im hochfrequent durchgetakteten Schulalltag
Claudia Zimmerli macht sehr oft die Erfahrung, dass Lehrpersonen nach anfänglicher Zurückhaltung von dieser neuen Dimension des Unterrichtens fasziniert sind und über die teils ungeahnte Leistungsbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler staunen.

Im hochfrequent durchgetakteten Schulalltag kann das Projekt 9 eine Oase sein. Auf jeden Fall ist es ein Unterfangen, das überfachliche Kompetenzen fördert und Lernende zuweilen zur Verzweiflung bringt, das ihnen Durchhalten und Überwindung abverlangt, das ihnen eine Bühne gibt und sie Stolz erleben lässt. Wenn man sie denn lässt.