Beziehungsorientiert und friedvoll

07. Jul 2022

Die innere Haltung und die Sprache tragen wesentlich zu kooperativem Verhalten bei. Worauf es ankommt und wie die Weichen gestellt werden, wissen Schulleiterin Eveline Degani und Coach Urs Eisenbart. Von Agathe Schudel.

«Wie du in den Wald rufst, so ruft es zurück», besagt ein altes Sprichwort. An Aktualität hat es nicht eingebüsst. Wohin auch immer gerufen wird, ob tatsächlich in den Wald oder beispielsweise ins Klassenzimmer – immer ist jemand angesprochen. Wonach klingt es, wenn wir in den Wald rufen? Nach einer resoluten Forderung, einer Kritik, einer Frage, einer Bitte oder nach einer Feststellung? Das ist entscheidend, denn es beeinflusst die Qualität der Beziehung. «In der Schule ist diese ausschlaggebend für den Erfolg oder Misserfolg beim Lernen und für die Klassenkultur», sagt Urs Eisenbart, Coach, Supervisor sowie Schul- und Organisationsentwickler.


Subtile Formen der Manipulation erkennen

Aus seiner langjährigen Arbeit weiss Urs Eisenbart, dass Lehrpersonen es grundsätzlich gut meinen und daran interessiert sind, eine lernförderliche Atmosphäre zu schaffen. Leider bewirkten deren innere Haltung und die daraus resultierende Sprache oft das Gegenteil.

«Viele Studien belegen es – und auch der gesunde Menschenverstand weiss, dass gute Beziehungen wichtig sind. Aber die wenigsten Menschen können genau sagen, welche Verhaltensweisen dies begünstigen und welche nicht. Weil sie sich der Wirkungen zu wenig bewusst sind», sagt Urs Eisenbart. Mit der Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren, lasse sich das ändern, sagt er. «Viele Lehrpersonen denken zum Beispiel, beziehungskompetent zu sein, zeige sich darin, lieb und nett zu sein und viel zu reden. Das ist ein grosses Missverständnis. Eine Lehrperson sei vor allem dann beziehungskompetent, so Urs Eisenbart, wenn sie über zwei Grundfähigkeiten verfüge: Klar zu führen und empathisch zu sein. Empathisch zu sein bedeute, Bedürfnisse und Wünsche des Gegenübers wahrzunehmen, sie zu erkennen und dem Gegenüber zu signalisieren: «Dein Bedürfnis ist in Ordnung». Das sei genug. Ob die Lehrperson dem Bedürfnis daraufhin entspreche oder nicht, habe mit Empathie nichts zu tun.

Keine Schülerin, kein Schüler habe die Pflicht, die Meinung der Lehrperson zu übernehmen oder sich von der Lehrperson überzeugen zu lassen. Lernende seien auch dann in Ordnung, wenn sie sich zunächst einmal nicht kooperativ zeigten. Lehrpersonen sollten den aufkommenden Stress, den sie verspüren, wenn sie mit Widerstand konfrontiert sind, nicht durch autoritäres Führungsverhalten kompensieren wie zum Beispiel zu bestrafen, zu belohnen, zu erpressen, zu bedrohen, auszuschliessen oder zu beschämen, sagt Urs Eisenbart. Echte Kooperation könne es nur auf freiwilliger Basis geben. «Autoritäre Verhaltensweisen sind allesamt Formen der Mani­pulation. Meist treten sie nicht offen zutage, sondern subtil. Aufgrund unserer eigenen Erziehung und Sozialisierung haben wir sie unbewusst internalisiert, sodass wir sie nicht als solche erkennen. Hier bedarf es der Bewusstwerdung, der Reflexion und des Wissens um Alternativen», sagt Urs Eisenbart.

Die Tatsache der institutionalisierten Abhängigkeit im Lehrperson-Lernenden-Verhältnis verleihe der Lehrperson Macht und übertrage ihr Verantwortung. «Durch ihre Stellung sollte sich die Lehrperson bewusst sein, dass sie für die Qualität der Beziehung zu den Lernenden und für die Klassenkultur zu hundert Prozent verantwortlich ist», so Urs Eisenbart. Das gelte für jedes Setting mit einem Machtgefälle. Entsprechend seien beispielsweise Eltern für die Familien-, Vorgesetzte für die Firmen- und Schulleitende für die Schulkultur verantwortlich.

Er nennt ein Beispiel: «Eine Lehrperson berichtet im Kollegium oder bei der Schulleitung über die schwierige Situation mit einer Schülerin und sagt: ‹Dieses Mädchen ist einfach nicht tragbar.› Mit dieser Aussage macht die Lehrperson die Schülerin zum Objekt, gibt die Verantwortung ab und macht sich selbst zum

Opfer. Übernähme sie die Verantwortung, formulierte sie es so: ‹Diese Schülerin ist für mich nicht tragbar, ich schaffe es nicht, ich komme nicht an sie heran, ich weiss nicht, was ich mit ihr machen soll›. Dann spricht die Lehrperson von sich und gibt die Verantwortung für die Schwierigkeiten nicht an die Schülerin ab. Der Unterschied ist immens. Fühlen sich Lehrpersonen in solchen oder ähnlichen Situationen als Opfer, sind sie sich ihrer Macht zu wenig bewusst. Fehlt dieses Bewusstsein, spielen sie ihre Macht unbewusst aus und beschämen so die Kinder.

Beziehungskompetente Menschen wissen von ihrer Macht, vermeiden es jedoch tunlichst, davon Gebrauch zu machen. Sie setzen darauf, dass sie über ihre natürliche Autorität Einfluss auf die Lernenden haben.»


Urs Eisenbart ist Supervisor und Coach BSO sowie Experte für gleichwürdige Führung und professionelle Beziehungskompetenz. urseisenbart.ch


Eveline Degani ist zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation, Lehrerin und Schulleiterin der Giraffenschule in Diepoldsau.
https://giraffen.schule/