Wer wagt, debattiert

07. Jul 2022

Es braucht Mut, sich einer öffentlichen Debatte zu stellen – beim ersten Mal. Wie Jugendliche lernen, zusammen lustvoll zu streiten und das Publikum davon profitiert. Von Christian Graf.

Der 15-jährige Simon steht vorne am Bistrotisch, neben ihm drei Klassenkameradinnen. «Pro 1», das Schild vor ihm, zeigt dem Publikum seine Redeposition in der bevorstehenden Schnupperdebatte an. Das Thema: «Soll die Schweiz der EU beitreten?» Doch plötzlich verwirft der Junge zuerst die Hände, dann scheint er den Tränen nahe. Der Lehrer begibt sich zu ihm und erkundigt sich nach dem offensichtlich aufgetauchten Problem. «Ich habe die falsche Position gewählt. Sie entspricht nicht meiner Überzeugung, ich kann unmöglich die Pro-Seite vertreten.» Der Lehrer versucht, Simon zu beruhigen und darin zu bestärken, seine Blockade zu überwinden. «Du hast einen grossen Vorteil, weil du alle Argumente kennst, die die Kontraseite in die Debatte einbringen wird. Du kannst sie also gut herausfordern und dir kreative Reaktionen ausdenken. Du schaffst das, trau dich.»

Simons Klasse steht am Anfang des siebenstufigen Programms «Debattieren lernen». Die Schnupperdebatte lässt die Jugendlichen erkennen, woran noch gearbeitet werden muss. Eine gute inhaltliche Vorbereitung der Streitfrage ist zwar für die Debattierenden zentral, doch zeigt sich die Qualität einer Debatte primär daran, wie die vier Teilnehmenden miteinander kommunizieren, wie sehr sie aufeinander eingehen und Verantwortung als Team wahrnehmen können. Denn es geht nicht darum, das Streitgespräch zu gewinnen, sondern dem Publikum durch eine breite Argumentation den Entscheid in der Streitfrage zu erleichtern. Die Gesprächsfähigkeit beweist, wer mit Respekt die Argumente der anderen aufnehmen und diese durch eigene Gedanken bereichern und weitergeben kann.


Klare und einfache Regeln

Die Übungen des Lehrgangs sollen die Jugendlichen zum Debattieren ermutigen. Je konkreter die förderorientierten Rückmeldungen durch Gleichaltrige und die Lehrperson sind, desto sicherer werden die Auftritte. Die klaren und einfachen Regeln und Abläufe des Debattenformats ermöglichen den Schülerinnen und Schülern, sich rasch auf die Streitfrage und auf die Kommunikation im Team zu konzentrieren.

Simon hat die Herausforderung angenommen und die «falsche» Position überzeugend vertreten. Sein Feedback danach zeigt das grosse Potenzial des Debattierens im Unterricht: «Zwei Sachen haben mich überrascht: Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Position vertreten kann, die nicht meiner eigenen entspricht. Und noch irritierender ist, dass ich Argumente gefunden habe, die für einen Beitritt sprechen.»