farbwelt

Hoch hinaus

Einzigartige Erlebnisse im Alpinlager auf der Bäregghütte. Von Verena Eidenbenz.

Heute, am zweiten Tag im Alpinlager der sechsten Klasse von Hansruedi Hediger geht es früh morgens los. Ein beissend kalter Wind fegt um die Hausecken der Bäregghütte. Dick eingepackt, mit Handschuhen und Mützen, und noch ganz verschlafen warten die Schülerinnen und Schüler und das Begleitteam auf den Abmarsch. Die Nacht ist sternenklar. Der Strahl einer Stirnlampe wirft spärliches Licht auf die Naturstrasse, die leicht abwärts zum Trüebtensee führt. Dort verengt sich die Strasse zum schmalen Pfad und beginnt dann steil anzusteigen. Schweigend reihen sich die Schülerinnen und Schüler hintereinander ein und gewinnen langsam an Höhe. Bald schon kann man den Horizont der umliegenden Bergketten im Morgenlicht schwach erkennen. Das Haslital dagegen liegt immer noch in absoluter Dunkelheit.

Es ist ihm ein grosses Anliegen, den Vorstadtkindern die Bergwelt näherzubringen.

Eine kurze Pause mit heissem Tee und einem Schokoriegel gibt Kraft für den noch vor den Bergwanderern liegenden Aufstieg. Ob sie wohl rechtzeitig zum Sonnenaufgang kurz vor sieben Uhr auf dem Gipfel stehen? Der Lehrer drängt zum Weitergehen. Bald erreichen sie auf der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Wallis den leichten Blockgrat, der aber dennoch Aufmerksamkeit und Trittsicherheit erfordert. Unterdessen sind alle richtig wach geworden, und es geht zügig weiter über die riesigen Felsblöcke. Bereits färbt sich im Osten der Himmel rot-orange, als sie den Gipfel des grossen Sidelhorns endlich erreichen. Hinter einem grossen Felsblock suchen die Klasse und ihre Begleiter Schutz vor dem heftigen Wind, den Blick unverwandt gegen Osten gerichtet. Es ist mucksmäuschenstill, und alle warten auf den grossen Moment. Im Westen ragen die Spitzen des Finsteraar-, Schreck- und Lauteraarhorns bereits ins goldene Morgenlicht. Dann der magische Augenblick: die ersten Sonnenstrahlen über dem Horizont! Auch die Gruppe ist bald in goldenes Licht getaucht. Stille! Schauen! Staunen! Der überwältigende Anblick des Bergpanoramas lässt fast vergessen, dass man diesen einzigartigen Moment doch unbedingt fotografisch festhalten wollte.

Trotz des steilen Anstiegs, der Kälte und der Finsternis haben es alle Schülerinnen und Schüler geschafft, einen fast 3000 m hohen Gipfel noch vor Sonnenaufgang zu besteigen. Zu Recht sind sie stolz auf ihre besondere Leistung.

In gelöster, fröhlicher Stimmung geht es bald an den Abstieg. In der Hütte angekommen, ihrem «Zuhause» für diese Woche, erwartet sie ein reichhaltiges Frühstücksbuffet, das die aus zwei Personen bestehende Küchenequipe für sie vorbereitet hat. Die Küchencrew hat eine sehr wichtige Aufgabe, musste sie doch alles mit Weitblick sorgfältig vorbereiten. Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe gibt es nämlich keine. Bis zum Mittagessen haben die Schülerinnen und Schüler nun Zeit zur freien Verfügung. Der Lehrer führt die Landschulwoche schon zum fünften Mal als Alpinlager auf der Bäregghütte durch. Nach der gestrigen Ankunft, der bereits ein Fussmarsch von einer halben Stunde vorausging, konnten die Schülerinnen und Schüler ihre Kletterausrüstung kennenlernen, erste Knoten üben, sich richtig anseilen und den «Smart», das Sicherungsgerät, bedienen lernen. Die ganze Kletterausrüstung kann Hansruedi Hediger jeweils von einem Lehrerkollegen, der davon einen ganzen Klassensatz angeschafft hat, ausleihen.

Am heutigen Nachmittag geht es weiter mit der Wiederholung der Übungen vom Vortag. Dann wird bereits ein erstes Mal geklettert, dies aber noch ohne Seil und Klettergürtel. Hansruedi Hediger, selbst Bergführer, zeigt den Kindern elementare Techniken im Fels. Die meisten können es aber kaum erwarten, bis es am nächsten Tag richtig losgeht. Auch ängstlichere Kinder wagen sich bald, motiviert von den anderen, einige Meter in die Höhe zu klettern.

Der soziale Zusammenhalt zwischen Lehrer, Schülerinnen und Schülern wird gestärkt, denn hier oben sind alle aufeinander angewiesen.

Als die Idee entstand, ein Alpinlager durchzuführen, war es sicher das «feu sacré» fürs Bergsteigen und die Natur, das den Lehrer veranlasste, bei der Schulleitung dafür eine Bewilligung einzuholen. Es ist ihm ein grosses Anliegen, den Vorstadtkindern die Bergwelt näherzubringen. Den Schülerinnen und Schülern bietet das Alpinlager ein spezielles Erlebnis. Die meisten von ihnen waren noch nie mit ihren Eltern in den Bergen und werden es vielleicht auch nie mehr aus eigener Initiative tun. Zwei bis drei ehemalige Schülerinnen und Schüler wurden aber richtiggehend mit dem Bergvirus infiziert und klettern auch heute noch. Aber nicht nur das ist ausschlaggebend. Die Kinder profitieren in vielerlei Hinsicht. Eine Woche ohne Handyverbindung zu den Eltern (auf der Bäregg­hütte gibt es keinen Empfang) tut beiden Seiten gut. Oft ist es auch so, dass schulisch schwächere Schülerinnen und Schüler beim Klettern Stärken zeigen können. Oder dass sonst vorlaute Kinder plötzlich beim Abseilen an der Staumauer – einer der Höhepunkte in dieser Woche – ganz kleinlaut werden, während sonst eher scheue, stille Mädchen sich als Erste getrauen, sich abzuseilen. Der soziale Zusammenhalt zwischen Lehrer, Schülerinnen und Schülern wird gestärkt, denn hier oben sind alle aufeinander angewiesen. Dies wirkt sich nachher auch positiv im Klassenzimmer aus. Unterdessen hat es sich herumgesprochen, dass Hansruedi Hediger seiner Klasse ein Alpinlager bietet. Die Vorfreude bei den Kindern ist jeweils gross. Von Seiten der Eltern kamen bis jetzt keine Einwände, und auch die Schulleiterinnen unterstützen ihn.

Für den Lehrer und sein Begleitteam ist das Lager eine grosse Herausforderung. Hansruedi Hediger meint dazu: «Früher war ich sorgloser, obwohl ich bei einer meiner ersten Bergtouren in eine Gletscherspalte stürzte. Ich war achtsam, aber nicht ängstlich. Unterwegs habe ich einfach nie daran gedacht, dass sich vielleicht ein Stein lösen könnte, oder dass sonst etwas passieren würde! Heute bin ich vorsichtiger, und die Verantwortung rund um die Uhr belastet mich stärker. Natürlich bin ich mir bewusst, dass auch in der Schule oder auf dem Schulweg im Verkehr etwas passieren könnte. Doch das Alpinlager ist kein gewöhnlicher Klassenausflug! Ein gutes Begleitteam ist deshalb von grösster Wichtigkeit. Mehrere Fachleute kontrollieren jeweils, ob die Kletterausrüstung richtig montiert, der Smart richtig eingehängt ist und alle den obligatorischen Helm tragen. Das gut funktionierende Team ermöglicht tagsüber auch kleine Pausen, während derer man sich erholen kann.» Neben dem Klettern warten noch andere Erlebnisse auf die Klasse: ein kurzes Bad im kalten Trüebtensee, Gämsen, Schneehühner und Bergdohlen beobachten oder spezielle Pflanzen entdecken. Auch eher meditative Tätigkeiten wie das Töpfern stehen auf dem Programm. Mit einem Büchsenbrand werden die entstandenen Objekte selbst gebrannt.

Nach dem Nachtessen gibt es jeden Abend eine Gemeinschaftsaktivität. Die Schülerinnen und Schüler haben dazu ihre Lieblingsspiele mitgebracht. Um den Tag ausklingen zu lassen, liest der Lehrer entweder im Mädchen- oder im Bubenzimmer eine Geschichte vor. Dann ist aber Ruhe!

Mit diesem abwechslungsreichen Programm ist die Woche im Flug vorbei. Schade bin ich nicht mehr Schülerin in dieser Klasse. Da wäre ich gerne die ganze Woche dabei gewesen.

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