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Auf dem Weg zum Abschied vom Gestern

Ein Gespräch mit Hans Zbinden. Von Peter Uhr.

Hans Zbinden setzt sich an den Café-Tisch und erzählt, wie er gerade wieder mal den Tauben zugeschaut hat. Diese Vögel haben es Hans Zbinden schon immer angetan. Früher, als man noch auf Ostermärsche ging, prangten sie als Friedenstaube auf den mitgeführten Fahnen. Als guter Beobachter erkennt Hans Zbinden heute in der Taube einen genügsamen Vogel, der auch Kleinstes aufsammelt und damit ein Symbol der Bescheidenheit sein kann. So beginnen Gespräche mit ihm oft.

Eigentlich wollte ich aus dem Gespräch ein klassisches Porträt der Person Hans Zbinden entwickeln. Biografisches, Episoden, er als Mensch, seine Gestik usw. sollten in ein atmosphärisch dichtes Bild dieses interessanten Zeitgenossen münden. Aber Hans Zbinden ist vor allem, was er denkt und wie er es sagt. Die physische Person verschwindet hinter Geist und Wort. Paradoxerweise wird die Persönlichkeit Zbinden dadurch viel sichtbarer, als wenn die Beschreibung des geneigten Kopfes den guten Zuhörer oder nachdenklichen Philosophen versinnbildlichen müsste.

Umwege kreativer als Hauptstrassen

Später, mitten im Gespräch meinte Hans Zbinden unvermittelt: «Wenn man mit mir redet, muss man auf Abwege, Umwege und Abkürzungen kommen.» Umwege, ein Stichwort, das eine neue Schleife im mäandrierenden Redefluss meines Gegenübers öffnet. Zbinden erinnert sich an seine Kindheit und schildert, wie er und seine Freunde fast immer neben der Strasse oder auf einem seitlichen Wiesenbord einen zweiten Trampelpfad erfanden. Oder sie machten sich einen Spass daraus, nur auf den Randsteinen zu balancieren oder suchten Abkürzungen, die auch zu Umwegen werden konnten. Kinder sind neugierig, erschaffen sich ihre eigenen Abenteuer. Im Englischen oder Französischen bezeichnen adventure und aventure das, was auf einen zukommen kann, wenn man sich auf den Weg ins Unbekannte macht. Oder in den Worten von Hans Zbinden: «Durch Erkunden und Erproben eröffnet sich Neues.»

«Kinder können noch staunen über die künstliche Muschel, aus der unter Beigabe von Wasser eine Blume spriesst.» Dieses Staunen-kön­nen verliere sich mitunter im Verlauf der Schuljahre. Nach Hans Zbindens Beobachtung tut die Schule den Kindern nicht nur Gutes. Die Kinder brächten eine ursprüngliche Neugier und Lernleidenschaft zum ersten Kindergarten- oder Schultag mit. Diese Fähigkeit und den Mut, sich Neuem, Unbekanntem auszuliefern, werde von der Schule allzu oft beschädigt. Da es ja kaum willentlich geschehe, stelle sich die Frage nach dem Warum.

Den Zumutungen des Berufs gewachsen?

Hans Zbinden, bis vor kurzem Präsident der Eidgenössischen Fachhochschulkommission, studierter Pädagoge und Soziologe, Lehrer auf allen Stufen vom Kindergarten bis zur Hochschule, Hochschulprofessor, eidgenössischer Parlamentarier, Präsident eines Hilfswerkes und Pilot – und vieles mehr, meint entschieden: «Der Entscheid für den Lehrerinnen- und Lehrer­beruf darf nie bloss die zweit- oder drittbeste Wahl sein.» Ein PH-Studium als Verlegenheitslösung mangels besserer Optionen komme praktisch nie vor bei Personen, die den Beruf auf Umwegen als Quereinsteiger oder via ein Zweitstudium ergreifen. Auch Zbinden anerkennt, dass die Anforderungen an Lehrpersonen hoch und manche Verhältnisse belastend seien. Zudem würden Eltern oft über die Grenzen des Respekts hinaus fordernd auftreten. Dabei wäre eine Portion Empathie seitens der Eltern schon von daher zu erwarten, als sie ihre Erziehungsaufgabe ja ein Stück weit mit den Lehrerinnen und Lehrern ihrer Kinder teilen.

Der Entscheid für den Lehrerinnen- und Lehrerberuf darf nie bloss die zweit- oder drittbeste Wahl sein.

Die vielfältigen Zumutungen an Lehrpersonen seien effektiv zu gross und zu widersprüchlich, um von den einzelnen Lehrpersonen einfach locker bewältigt werden zu können. «Und genau darum braucht die Schule gereifte Persönlichkeiten mit einem echten pädagogischen Impetus, hoher Motivation und Belastbarkeit», fordert Zbinden. Sonst kämen die Kinder wegen des steigenden Drucks, der von «oben» nach «unten» weitergegeben würde, unweigerlich unter die Räder. Man spürt, Hans Zbinden schätzt die vielfältigen Verantwortungen der Lehrpersonen nicht gering ein. Aber aus Verantwortung den Kindern gegenüber fordert er von den Erwachsenen eine absolute Verantwortlichkeit ein. Es gebe keine Ausreden …

Mediale Grenzüberschreitungen zuhauf

Vom teils mangelnden Respekt von Elternteilen einer Lehrperson gegenüber findet Hans Zbinden auf direktem Weg zum fehlenden Respekt von Medien dem Privatesten gegenüber. «Denn selbst das Schweizer Fernsehen beteiligt sich daran, Scham und Beschämung öffentlich zu machen, Intimität dem Voyeurismus der Zuschauenden auszuliefern. In Sendungen wie «HappyDay» fehlt es an Respekt für den Schutz der Leute vor sich selbst.» Das Blossstellen durch das TV-Format und der Exhibitionismus der zur Darstellung kommenden Personen gingen eine unselige Kumpanei ein, in deren Rahmen laufend Grenzen überschritten würden. «So nutzen die Medien individuelle Konfusion zur Mehrung ihres kommerziellen Erfolgs», kritisiert Hans Zbinden. Wen wundere es dann noch, wenn diese aktive und passive Zurschaustellung mehr und mehr auch von Jugendlichen in den sozialen Medien kopiert und ausprobiert werde?

Frühe Bildung ja – früher Drill nein

Kritisch sieht Hans Zbinden die sich mehr und mehr ausbreitende sogenannte kindliche Frühförderung. Wie ein roter Faden durchzieht die Unterscheidung zwischen Ausbildung und Bildung Hans Zbindens Überlegungen. Ja, Kinder hätten ein Recht auf frühe Bildung, bekräftigt er. Aber wenn diese reduziert würde auf das Ausbilden von schulisch nützlichen Fertigkeiten, dann missverstehe man das Bildungsanliegen grundsätzlich. «Bildung hat zwangsläufig ästhetische und kulturelle Komponenten. Sie hat keine Zweckausrichtung auf technische Wissensinhalte zum Ziel. Nein, schon kleine Kinder können über Geschehnisse, über die sie umgebende Welt, über eigenes Sein und Tun reflektieren.»

Die Kraft, die in einer solchen aufs Entdecken ausgerichteten Pädagogik liege, habe die Schule – meint Zbinden – leider zum Teil verloren. Das habe auch mit der Ökonomisierung des Bildungswesens zu tun, die nur gelten lasse, was als unmittelbar verwertbar erscheine. So könne man leider mit der Ausrichtung der Be-wertung Wichtiges ent-werten. Während Ausbildung der Messbarkeit durchaus zugänglich sei, gelte dies für wichtige Bildungspostulate eben gerade nicht. «Bildung erschliesst sich in ganzheitlichen, menschlichen und gesellschaftlichen Daseinsvorstellungen», so Zbinden. Das könne die auf Nutzanwendung gerichtete Ausbildung wie z.B. grosse Bereiche der Berufsbildung eben nicht leisten. «Dafür braucht es zwingend die Allgemeinbildung.»

«Ich vertrete eine neue Föde­ra­lismus-Vorstellung. Diese geht davon aus, dass Neues unten entsteht und dann – sofern es Potenzial hat – von oben gefördert wird.

Hochschulen zwischen Humboldt und Digitalisierung

Selbst die Hochschulen befänden sich in diesem Zielkonflikt zwischen Humboldt und Digitalisierung. Leider finde in der Schweiz nach wie vor keine Diskussion über Sinn und Unsinn der heutigen Ausgestaltung des Hochschulwesens statt, bedauert Hans Zbinden.

Er schlägt statt der Segmentierung in Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen hybride, integrierende Organisationsformen vor. Möglicherweise würden neue Organisationskonzepte spätestens dann diskutiert, wenn die Mittel mal nicht mehr ausreichten, die heutigen teuren Sonderzüglein zu finanzieren.

Zbinden glaubt, dass die Digitalisierung neue Bewegungsimpulse in Richtung des Bildungswesens, nicht nur im Hochschulbereich, auslöse. Er formuliert es so: «Die Digitalisierung wird das Bildungswesen mit seiner eigenen Unbeweglichkeit konfrontieren.» Erstens unternehme niemand auch nur den Versuch, diese Entwicklung in eine sinnvolle Richtung zu lenken. Und zweitens sei die Herausforderung gleich eine dreifache: Es brauche erstens neue Lehr- und Lernmittel, zweitens Mittel und Entscheide betreffend die technische Ausstattung und die Geräte sowie drittens eine informatische Bildung, also ein schulisches Grundwissen über die wissenschaftlichen Grundlagen der Informatik.

Wenn sich Ideen ansteckend verbreiten …

Und ein solches informatisches Grundwissen hat sich Hans Zbinden schon früh erworben. Im Rahmen seiner Dissertation über die «Lernfähigkeit von Bildungsorganisationen» hat der Soziologie-Doktorand Zbinden sich mit der sogenannten Diffusion von Kindergärten im Kanton Aargau befasst. Schon früh hatte nämlich die seinerzeitige österreichische Kaiserin Maria Theresia die Gründung von Kindergärten auch im westlichen Randgebiet der Donau-Monarchie angeregt. Zbinden wollte die Mechanismen erkunden, die zur Vermehrung der Kindergärten bei den diesbezüglich autonomen Gemeinden führte. Die Theorie, deren Übertragbarkeit auf das Bildungswesen er dabei testen wollte, war die aus der Epidemiologie entlehnte Verschleppungs- und Infektionstheorie. Und tatsächlich verbreitete sich die Kindergarten-Idee ähnlich der Verbreitungsmuster ansteckender Krankheiten: Neuzuzüger-Familien kannten die Institution Kindergarten von woanders her und wünschten sich Ähnliches an ihrem neuen Wohnort. So kam es, dass … .

Die Lernfähigkeit des aktuellen schweizerischen Bildungswesens beurteilt Hans Zbinden als nicht ausgeprägt. «Alle Stufen und Bereiche lernen für sich allein. Eine Vernetzung, ein Miteinander- und Voneinanderlernen findet nicht statt. Er ortet allenthalben viel Selbstbezogenheit und Selbstzufriedenheit. Wenn dies nicht im Sinne eines vermehrt kollektiven Lernens ändere, stehe das hiesige Bildungswesen vor einer beschwerlichen Zukunft. «Das schweizerische Bildungswesen ist ja bekanntlich eines der teuersten auf der Welt und leistet sich angesichts der immer noch reichlich verfügbaren Finanzen zu viele Mehrspurigkeiten und kleinräumliche Effizienzverluste.» Das sagt einer, der ansonsten hohe Bildungsideale vertritt. Aber er sagt es vielleicht gerade deswegen. Das Geld würde besser in die Kinder, die Jugendlichen, die Stipendien investiert. Und nicht in überteuerte und unproduktive Verwaltungsmaschinerien landauf, landab. Übrigens folge auch die fortschreitende Digitalisierung vermutlich der erwähnten Verschleppungs- und Infektionstheorie. «Aber genau dieser ungesteuerte, mit vielen Unsicherheiten behaftete Prozess verläuft träge und schützt dennoch nicht vor möglichen Fehlinvestitionen.»

Neue Antworten sind nicht in den gängigen Strukturen zu finden

Solche bottom-up-Prozesse sind durchaus typisch für den helvetischen Föderalismus. Darum die Frage an den Bildungspolitiker Zbinden: Wird der heutige Bildungsföderalismus den aktuellen Herausforderungen noch gerecht? «Ich vertrete eine neue Föderalismus-Vorstellung. Diese geht davon aus, dass Neues unten entsteht und – sofern es Potenzial hat – dann von oben gefördert wird. Das Denken von oben und von unten sollte miteinander verschränkt werden.» Ausführlicher formuliert Hans Zbinden das in einem Papier, an dem er momentan arbeitet. Arbeitstitel «Bildungs-Charta». Es soll Grundlagen für die Weiterentwicklung der Schweizer Bildungsverfassung von 2006 liefern. Der damalige SP-Nationalrat Hans Zbinden gilt als Vater des Eidgenössischen Bildungsartikels. Die Überschrift über das Thema Bildungsföderalismus liest sich so: Weiterentwicklung des historisch gewachsenen Bildungsföderalismus zu einem flexiblen und lernfähigen nationalen Netzwerk. Standort-Egoismus und Status Quo-Verteidigung fänden in diesem Konzept keinen Platz.

Bei seinem Soziologie-Professor Peter Heintz hat Hans Zbinden vor zig Jahren erfahren, wie positiv sich Befruchtung von aussen auf eine Institution auswirken kann. Heintz habe damals regelmässig Koryphäen ihres Fachs aus aller Welt für Gastvorlesungen nach Zürich geholt. Statt sich vor möglicher Konkurrenz zu fürchten, war ihm die Idee viel wichtiger, dass nur weiterkommt, wer sich einer solchen «Frischzellenkur» aussetzt. Nicht überall im Schweizer Bildungswesen treffe man solche Grösse an, findet Zbinden.

Eine gewisse beharrliche Sorgfalt allerdings könne auch ihr Gutes haben. Denn ein zu hohes Tempo beim Durchführen von Veränderungen gefährde das Prozessuale. «Ziel und Sinn der Veränderungen können bei zu grosser Beschleunigung unter die Räder kommen. Zu hohe Geschwindigkeit führt quasi zu einem neuen Zustand, der dann als etwas von aussen, als etwas Fremdes empfunden wird.» Demokratie müsse immer die Entwicklung von unten mitbedenken, ist sich Zbinden sicher. Klar, Demokratie sei etwas Langsames, aber das erzielte Ergebnis sei eben mehr als das äusserlich sichtbare Resultat.

Suchen ist neugierige Lebendigkeit

Im Gegensatz zu von oben verordneten, rapiden Veränderungen und Richtungswechseln bewertet Hans Zbinden die vielfältigen in der Gesellschaft zu beobachtenden Suchbewegungen positiv. Auch wenn man nicht mit allen und allem übereinstimmen könne: Schlicht, dass sich Menschen auf die Suche nach einer neuen Identität begäben, sei zu begrüssen. Denn genau dieses Suchen nach dem noch Unbekannten, Neuen, zu Ergründenden sei das Vitalste, was es überhaupt gebe. Ein gutes Beispiel für eine mehr am Prozess als am Resultat orientierte Suchbewegung ist Hans Zbindens Arbeit an einer Art neuer Bildungscharta, denke ich mir. In immer neuen Gesprächen konfrontiert Zbinden sich mit immer neuen Erkenntnissen, Erfahrungen, Sichtweisen, gleicht sie mit dem bisher für richtungsweisend Gehaltenen ab, modifiziert und integriert, schreibt um und erweitert … ein Prozess, den man sich für das Bildungswesen insgesamt vermehrt wünscht.

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