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Das Portfolio – Schatztruhe des Könnens und Wissens

Kinder lernen, ihre Stärken zu dokumentieren und sie anderen zu präsentieren. Dabei erfahren sie auch, wie sich Ressourcenorientierung auf das Lernen auswirkt. Ein Besuch in der Klasse 4a der Basler Schule Thierstein. Von Therese Grossmann.

In der Klasse über Stärken sprechen.

«Ihr habt heute einen Gegenstand mitgebracht, der eine eurer Stärken zeigt», eröffnet der Lehrer Benjamin Reinhard den Sitzkreis, «ihr könnt ihn den anderen vorstellen und ein Feedback dazu einholen.» Sogleich meldet sich Camille, freudig zeigt sie auf ihr Blatt und kündigt an, sie werde eine ihrer selbst geschriebenen Geschichten vorlesen. Dass Camille Vergnügen an ihrer Geschichte 'Saras Traum' und am Vortragen hat, ist offensichtlich: Sie liest mal laut, mal leise und gestaltet die Dialoge als lebendiges Rollenspiel. Gespannt hören die Schülerinnen und Schüler zu und teilen Camille nachher mit, wie packend und interessant die Geschichte sei und wie gut sie sich das Mädchen Sara vorstellen konnten. Auf die Frage des Lehrers, wie Camille ihre Stärke noch ausbauen könne, antwortet diese: «Ich will noch mehr Geschichten schreiben und sie anderen vorlesen. Da höre ich, wie sie darauf reagieren.»

Nun schiebt Ajsha ein gelbes selbst geknüpftes Armbändeli in die Mitte und kommentiert selbstbewusst: «Das ist meine Stärke, das kann ich gut!» Einem Schüler gefällt das Muster, einer Schülerin die Farbe, am liebsten hätte sie auch ein Bändeli. Jetzt ist Rami an der Reihe, stolz zeigt er ein Foto, auf dem der Eiffelturm als 3D-Puzzle abgebildet ist. Im Feedback der anderen schwingt Bewunderung mit; sie möchten wissen, wie er das gelernt und was für 3D-Puzzle er auch schon zusammengesetzt habe. Allmählich breitet sich im Kreis der Schülerinnen und Schüler eine Stimmung aus, die die Redensart bestätigt, dass geteilte Freude doppelte Freude sei. Dazu äussert sich auch Benjamin Reinhard nach der Stunde: «Diese Art von Feedback ist gruppenstärkend; das zeigt sich zum Beispiel daran, wie schnell neue Kinder in die Klasse integriert werden. Es ist selbstverständlich, dass man aufeinander hört. Das fördert die Zusammenarbeit.»

Im Sitzkreis richten nun alle ihr Augenmerk auf Istvan und seine Zeichnung. «Früher konnte ich nicht so schöne Muster malen, wie ich wollte», sagt Istvan dazu. «Dann hat mir ein Freund gezeigt, wie ich die verschiedenen Formen exakt zeichnen und mit welchen Farben ich sie ausmalen könnte.» Ein Knabe reagiert spontan: «Das ist sehr schön geworden, die Farben passen gut zusammen! Ich denke, du musst deinem Freund danke sagen, dass er dir geholfen hat.» So viele Gegenstände möchten noch gezeigt werden, zum Beispiel das selbstgestaltete Ideenbuch von Marla oder die Sportmedaille von Enrico. Aber heute reicht es nicht für alle Präsentationen. Individuell über Stärken schreiben.

Die Offenheit der Schülerinnen und Schüler dieser Klasse ist frappant.

Der Lehrer verweist auf eine spätere Präsentationsmöglichkeit und führt in den nächsten Auftrag ein. Die Schülerinnen und Schüler sollen ihre Stärke zuhanden des Talentportfolios schriftlich beschreiben. Sie können wählen, ob sie dazu ein vorstrukturiertes Blatt mit Fragen verwenden oder selbst einen Text verfassen wollen. Ajsha hat sich entschieden, die Herstellung ihres Armbändelis und ihren Kommentar dazu selbst zu schreiben und nicht das Formular zu benutzen. «Wenn ich das selbst schreibe, kann ich meine Freude besser spüren», begründet sie ihren Entscheid. Sie will mir auch gleich ihren ganzen Portfolio–Ordner vorstellen. Die Offenheit der Schülerinnen und Schüler dieser Klasse ist frappant.

Das Portfolio präsentieren

«Wir legen Wert auf vielfältige Gelegenheiten, das Portfolio zu präsentieren», erklärt mir der Lehrer, «an einem Elternanlass konnten zum Beispiel fünf Kinder aus ihrem Portfolio im Plenum eine Stärke vorstellen. Dann hatten die Eltern Gelegenheit, Einblicke in verschiedene Portfolios zu nehmen: Die Schülerinnen und Schüler sassen an ihren Pulten und zeigten den Eltern, die vorbeikamen, ihren ganzen Ordner. Es gab auch einen Schulanlass zum Portfolio, an dem die Kinder einander das Portfolio klassenübergreifend präsentierten. Und kürzlich hatten einige Schülerinnen und Schüler unserer Klasse einen Auftritt an einer Kollegiumskonferenz: Sie präsentierten den anderen Lehrpersonen die Arbeit mit dem Talentportfolio.»

Formulare und Diplome

In Lenas Portfolio sticht mir das Formular «Was ich gelernt habe» ins Auge. Eifrig kommentiert sie ihren kurzen Eintrag: «Ich war im Zoo und wollte die Tiernamen auf Französisch können. Da habe ich nachgeguckt und sie so gelernt. Und ich kann sie immer noch – der Löwe heisst le lion und der Affe le singe.» Am nächsten Pult zeigt mir Bashir sein Portfolio; zum Formular 'meine Stärken' sagt er, dass er gut sei in Arbeiten mit den Händen, das zeige sich bei Bastelarbeiten zuhause und in der Schule. Er sei auch stark im Lesen und Verstehen von Texten in der Schule. Es sei für ihn nicht schwierig, über den Inhalt eines gelesenen Textes zu reden. Eine Stärke sei auch die Mathematik, da ­verstehe er die Aufgaben schnell und finde meistens ohne fremde Hilfe eine Lösung. Ich gehe weiter zu Marla, sie streckt mir ein Diplom entgegen, das sie nach einer Projektwoche erhalten hat. «Ich habe ein Atelier für die Sprache ‘Mandarin' besucht und am Schluss von der Lehrerin ein schönes Diplom erhalten. Ich bin schon ein wenig stolz, dass ich nun ein paar Zeichen verstehen und auch schreiben kann.» Diplome treffe ich bei vielen Kindern an, ebenso Medaillen für persönliche sportliche Leistungen.

Nun ruft mich Bashir an sein Pult und meint, ich hätte ja das Blatt der Eltern noch gar nicht gesehen: «Sehen Sie, das hat mir mein Vater am Elternabend geschrieben. Dass ich stark im Basteln bin und dass er das zuhause sieht, wenn ich ein Flugzeug herstelle. Alle Kinder in der Klasse haben ein solches Blatt von ihren Eltern erhalten. Wenn wir wollen, können wir es einander zeigen.» Benjamin Reinhard erklärt mir: «Mit diesem Blatt der Eltern haben wir nach den Sommerferien am ersten Elternabend das Portfolio eröffnet. Die Eltern beschrieben ihren Kindern alle die Stärken, die sie hatten beobachten können.»

Visionen

«Eigentlich arbeiten wir noch gar nicht so lange mit dem Portfolio, und doch können alle Beteiligten schon das Potenzial wahrnehmen, das im Dokumentieren, Reflektieren und Kommunizieren von Stärken steckt. Als Lehrer überzeugt mich die Idee, dass die Portfolio-Arbeit weitergeführt wird: Dass die Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis in die Oberstufe mit dem Portfolio ein Dokument haben, das sie begleitet. Natürlich können zu den Stärken auch weitere Inhalte dazukommen, zum Beispiel schulische und ausserschulische Themen, mit denen sich die Kinder intensiv auseinandergesetzt haben. Und es gibt vielleicht Inhalte, die aus dem Portfolio wieder herausgenommen oder geändert werden. Tragend ist die Idee, dass ein Kind in dieser Art Schatztruhe Zeichen seiner Stärken aufheben kann. Eine Vision wäre, dass die Kinder das Portfolio als Dokument ihres Könnens und Wissens später für eine Bewerbung präsentieren könnten. Dass es also für die Berufswahl eine Rolle spielen würde.»

Dieser Vision schliesse ich mich als Besucherin gerne an – und verbinde sie mit dem Wunsch, die Kinder könnten sich in ihrer Schulzeit weiterhin an ihren Ressourcen orientieren. Und die Freude daran mit anderen teilen.

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