Grenzen des Denkens

12. Apr 2021

Die Denkmuster, welche unsere Urahnen zum Erfolg geführt haben, werden uns heute zum Verhängnis. Wir zerstören zunehmend unsere Lebensgrundlagen, weil exponentielles und zyklisches Denken nicht zu unserer Grundausrüstung gehören. Kann Schule helfen, das Ruder herumzureissen? Bericht von einem, der unterwegs ist.

Am Freitag gegen Abend ist es im Schulhaus ruhig. Ich warte in der leeren Eingangshalle. Ich bin gespannt. Bald werde ich jemandem gegenüberstehen, von dem ich ahne, dass er dort weiterfährt, wo ich vor langer Zeit einmal
abgebrochen, eine Spur verlassen habe. Zufällig habe ich von ihm gehört, und von dem, was er letztes Quartal gemacht hat. Jetzt bin ich hier. Ein paar Minuten zu früh. Natürlich drehen sich meine Gedanken um damals.

Es war in den Siebzigerjahren. Ein Buch ging um die Welt: «Die Grenzen des Wachstums », der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Als begeisterungsfähiger Junglehrer offen für unkonventionelle Wege, legte ich das offizielle Mathematikbüchlein beiseite und bestritt den Unterricht in meiner Klasse während Wochen und Monaten mit dem aufrüttelnden Bestseller. Die Schülerinnen und Schüler rechneten, untersuchten Funktionen, lasen und zeichneten Kurven und Diagramme. Vieles war wohl durchaus im Sinne des Lehrplans, anderes vielleicht nicht – mir war das egal. Es musste einfach sein.

Einmal erschöpfte sich dann das Thema – fand ich. Ich griff zum normalen Lehrmittel und unterrichtete wieder wie jeder normale Lehrer. Wenn 5x = 15, dann x = 3. Aus A folgt B, und die Welt ist proportional. Klar ist dieses Wissen wichtig! Nicht zuletzt dank ihm ist der Homo zum Sapiens geworden. Während Jahrhunderttausenden formte sich unser Gehirn an Überlegungen wie: «Wenn es regnet, dann grünen die Pflanzen», «Wenn die Pflanzen grünen, dann gibt es Nahrung», «Wenn du dem Regen folgst, dann hast du zu essen.» Und: «In drei Tagen kommst du dreimal so weit wie in einem» oder «Eine doppelt so grosse Familie braucht zweimal so viel Nahrung». Und viel später, schon fast heute: «Wenn du Steine richtig in den Bach legst, dann fliesst Wasser auf dein Feld» und «Ein viermal so grosses Feld braucht das Vierfache an Saatgut». Aus A folgt B folgt C folgt D … und die Welt ist – im Allgemeinen – proportional. Das haben wir im Blut, so ticken wir. Wer in Kausalketten denkt, folgt dem uralten Erfolgspfad. Wenn Schülerinnen und Schüler sich mit der Proportionalität befassen – und das tun sie in vielen Kontexten während ihrer ganzen Schulzeit –, trainieren sie die Erinnerung an urmenschliches Denken. Das ist wichtig. Aber dieses Denken allein führt in die Sackgasse. Es festigt unser Gefangensein in archaischen Denkmustern.