Das Projekt neu erfinden

11. Aug 2021

Lehrmittel sind Zeitzeugen – sie müssen mit der Zeit gehen, der Realität angepasst werden. Wie das heute geschieht, beschreibt Projektleiterin Celina Merz am Beispiel von «Projekte begleiten».

profil: «Projekte begleiten», das Standardwerk für den Projektunterricht im 3. Zyklus, erschien vor rund 20 Jahren. Vor 10 Jahren wurde es zum letzten Mal inhaltlich überarbeitet. Ist eine erneute Totalüberarbeitung wirklich nötig?

Celina Merz: Der Umgang mit Projekten in Beruf, Alltagsleben und auch im Projektunterricht hat sich verändert. Wir stehen heute an einem ganz anderen Ort als vor 20 Jahren.

Im bestehenden Lehrmittel wird ein Projekt als ein einmaliges, zeitlich begrenztes, neuartiges und meist interdisziplinäres Vorhaben definiert. Heute fragen wir uns im Team, wie sich Projekte eigentlich seither verändert haben und ob diese Definition so noch stimmt. Wir diskutieren neuere Ansätze im Zusammenhang mit innovativen Ideen und veränderten Prozessen, beispielsweise neue Kreativitätsmethoden, Design Thinking oder neue Formen des agilen Projektmanagements, und überprüfen diese auf ihre Tauglichkeit in schulischen Projekten.

Zum Zeitpunkt der Erstausgabe standen die Schulen vor der Einführung des Projektunterrichts und waren froh um umfassende Materialien. Heute haben viele Schulen ihre eigenen Konzepte und arbeiten in gut eingespielten Fachteams, um Projekte im 3. Zyklus zu begleiten. Diese Erfahrungen aus den Schulen wollen wir aufnehmen und anderen zur Verfügung stellen.


Die Vorarbeiten für das Projekt «Neuentwicklung des Lehrmittels» begannen im Herbst 2019. Ein halbes Jahr später wurde flächendeckend Fernunterricht verordnet. Haben die Erfahrungen der Schulen mit Fernunterricht die Arbeit am Lehrmittel beeinflusst?

Der Fernunterricht hat sichtbar gemacht, wie wichtig es ist, mit Schülerinnen und Schülern an den Fähigkeiten zu arbeiten, selbstständig zu planen und zu lernen, sich zu organisieren und Ablenkungen zu verhindern. Genau dies fördert der Projektunterricht im 3. Zyklus. Ein zentrales Element des Lehrmittels ist der neu entwickelte Kompetenzraster für den Projektunterricht. Wir fokussieren noch detaillierter die überfachlichen Kompetenzen und erarbeiten Übungen und Aufgaben zu einzelnen Teilkompetenzen, die in der selbstständigen Projektarbeit angewendet werden müssen.

In den so genannten projektartigen Vorhaben werden projektbezogene Kompetenzen mit fachlichen Konzepten, insbesondere Deutsch und NMG, verknüpft.


Der Fernunterricht hat auch der Arbeit mit digitalen Werkzeugen grossen Schub verliehen. Berücksichtigt das Lehrmittel diese Entwicklung?

Es war von Beginn an klar, dass das Lehrmittel zum Projektunterricht ausschliesslich digital erscheinen wird. Dies ermöglicht uns beispielsweise, die Kollaboration und die Peer-to-Peer-Begleitung während der selbstständigen Projektarbeit zu erleichtern. Und Lehrpersonen können viel einfacher den Überblick über den Stand der individuellen Arbeiten behalten. Damit ergeben sich ihnen mehr Möglichkeiten für rasche Feedbacks und förderorientierte Begleitung.

Wir möchten neue Arbeitsformen im Projektunterricht anregen, so können die Lernenden im digitalen Lehrmittel ihre Projektarbeit beispielsweise auf vielfältigere Art dokumentieren und anderen Einblick geben.


Beeinflusst die Publikationsform eines Lehrmittels auch dessen eigenen Entwicklungsprozess?

Wir stellen uns im Team tatsächlich immer wieder die Frage, ob es uns gelingt, «agil» unterwegs zu sein, und versuchen, die Kompetenzen, die wir für die Lernenden als wichtig bezeichnen, auch im Lehrmittelprojekt selbst anzuwenden.

Als Projektleiterin habe ich in der Phase der Umsetzung – analog zur Lehrperson mit ihren Lernenden – drei hauptsächliche Aufgaben: Erstens die Begleitung des Teams bei der Planung der Teilschritte und deren Umsetzung: Sind alle auf Kurs? Wie kann ich das Team in der Umsetzung unterstützen?

Zweitens muss ich vom Team Beiträge für die Projektdokumentation einfordern: Wer muss über das Projekt wann und wie informiert sein? Und ich bin für die Organisation von Austausch und Standortbestimmungen zuständig: Wie holen wir uns Rückmeldungen aus der Praxis ein? Was ist mit den vorgesehenen digitalen Werkzeugen auch noch möglich?

Das Management des Projekts versuchen wir durch inhaltlich und zeitlich überschaubare Teilaufträge flexibler zu gestalten. Die Teilergebnisse gehen frühzeitig an künftige Nutzerinnen und Nutzer zur Rückmeldung.


Die Frage zum Schluss: Ist die Lehrmittelentwicklung ein Projekt?

Gemäss der Definition zeichnet sich ein Projekt dadurch aus, dass es einen klaren Abschluss hat. Für die Autorinnen und Autoren eines gedruckten Lehrmittels ist es das «Gut-zum-Druck» oder der Moment, wenn sie das erste Exemplar in der Hand halten, später dann die Vernissage als sichtbarer Projektabschluss. Hat ein Projekt eines digitalen Lehrmittels einen Abschluss? Schliesslich haben wir bei einem solchen Lehrmittel jederzeit die Möglichkeit, nach der Veröffentlichung inhaltliche Anpassungen vorzunehmen. Jederzeit. Doch wenn auch scheinbar kein Ende in Sicht ist: Es ist zwingend zu beachten, dass auch dieses zyklische Vorgehen einen Plan und Absprachen benötigt. Dies setzt eine neue Denkweise im Projektteam und auch bei den Kundinnen und Kunden voraus. Der Mehrwert eines digitalen Lehrmittels kommt erst dann zum Tragen, wenn man es in regelmässigen Zyklen weiterentwickelt und neue Ideen, Konzepte und Inputs von den Nutzenden mit einfliessen lässt.

Es ist diese neue Denk- und Arbeitsweise, die wir uns als Projektteam gerade aneignen. Wer diesen Prozess verfolgen will, findet auf der Website des Schulverlags laufend aktualisierte Informationen.

Produkte-Website

www.projektunterricht.ch