Schulraum, zwischen analog und digital

07. Jul 2022

Schulraum,  zwischen analog und digital

Im Projekt «Vernetzte Räume» beschäftigte sich die Schule Zeihen mit analogen und digitalen Lernräumen der Zukunft. Von Lukas Tschopp.

Zeihen im Kanton Aargau: Eine beschauliche Gemeinde mit 1200 Einwohnerinnen und Einwohnern auf der Bözberg-Hochebene im südöstlichen Fricktal. Eingebettet zwischen Feld, Wiese und Wald. Eine grüne Oase, auf halbem Weg zwischen Basel und Zürich. So beschaulich die Lage, so malerisch das Idyll – so innovativ die öffentliche Dorfschule. Im Sommer 2020 wurde hier entschieden, alle Klassen einen Halbtag pro Woche im Freien zu unterrichten: Schule im Wald, im Freiluftklassenzimmer mit einem aus Ästen geflochtenen Riesensofa. Das Projekt «Draussenschule» bewährte sich bei Kindern, Eltern und Lehrpersonen, sodass Schulleiter Daniel Jeseneg ein Jahr später bereits das nächste Projekt aus dem Hut zauberte: Die «Vernetzten Räume».

«Für uns ist klar, dass wir als Volksschule nicht stillstehen wollen. Die Erde dreht sich, und wir drehen uns mit, sind stetigen Veränderungen unterworfen. Aus der Corona-Pandemie haben wir gelernt, dass wir uns als Bildungsinstitution mit Fragen von dezentralem, hybridem Unterricht auseinandersetzen müssen», sagt Daniel Jeseneg. Der Schulleiter führt nicht nur eine feine rhetorische Klinge, sondern ist in Zeihen bekannt dafür, seinen Worten Taten folgen zu lassen. In Zusammenarbeit mit dem Haus der Elektronischen Künste in Basel (HEK) hat er zu Beginn dieses Schuljahres das künstlerische Kooperationsprojekt «Vernetzte Räume» ins Leben gerufen. Während sechs Monaten haben sich zwei Mittelstufenklassen mit Fragen von physischen, aber auch digitalen Lern- und Spielräumen beschäftigt: Wie stellen sich Kinder ihre Schule der Zukunft vor? Und wie können sie diese aktiv mitgestalten? Was wollen sie dort lernen, und in welchen Räumen soll gelernt werden? Wie sind diese Lernräume konkret ausgestaltet?


Komplexe digitale Welt

«Bislang sind wir als Schule zwei altbewährte Gleise gefahren: Mit den ‹analogen› Räumen einerseits, also in Klassenzimmern, mit Wandtafel, Pulten und Stühlen, Büchern, Bleistiften und Radiergummis einerseits; in Verbindung mit digitalen Lernmedien andererseits», erzählt der Schulleiter und Projektinitiant. «Unsere Vision: Einen pilothaften, dezentralen Lernraum für die Schule der Zukunft zu gestalten, nicht nur für unser Dorf, sondern für die Schule der Zukunft im Allgemeinen.»

Für das Projekt der «Vernetzten Räume» hat sich Daniel Jeseneg wertvolle externe Expertisen von Vermittlerinnen und Vermittlern an der Schnittstelle zwischen Informatik und Kunst geholt, die die Kinder in der Projektarbeit begleiten und in die Komplexität der digitalen Welt eingeführt haben. «Ich wollte den Kindern ja nicht einfach meine eigenen Ideen in die Köpfe pflanzen. Ziel war ein harmonisches Zusammenspiel aller Beteiligten.»

Eine solche Vermittlerin ist Patricia Huijnen vom HEK in Basel. «Im Austausch mit den Kindern haben wir uns auf wenige digitale Räume geeinigt, die sodann mit den Klassen thematisiert wurden», sagt sie. Sie selbst hat den Input «Blogging» betreut, wobei die Kinder einen eigenen Blog erstellt und darin alle weiteren Projektarbeiten dokumentiert haben. «Der Blog als digitales Notizbuch eignet sich bestens für solche Dokumentationen. Er ist rasch geschrieben und trotzdem für eine breite Öffentlichkeit gedacht», sagt Patricia Huijnen. Fünftklässlerin Linda hat daran grossen Gefallen gefunden: «Ich habe den Schulblog erweitert und mit Texten von anderen Inputs ergänzt. Ich habe gelernt, wie man einen Blog erstellt und dabei Bilder herumschiebt, Ordner erstellt und Kommentare anfügt.»

Weitere Inputs gab es zu den Themen «Websites und Internet», «Games und Programmieren», «Szenisches Spiel» und zum «Daten-Sammeln, Darstellen und Dokumentieren».

Im März dieses Jahres wurde das Projekt «Vernetzte Räume» an der Schule Zeihen abgeschlossen. Was bleibt? «Bei den Kindern besteht das Bedürfnis nach einer Schnittstelle zwischen Schule und Privatleben. Wie kann man in der Schule Neues lernen, und sich trotzdem wie zu Hause fühlen? Die Schule hat eben nicht bloss als strenger Hort der Bildung zu funktionieren, sondern ebenso als Entspannungs- und Rückzugsort. Die Frage nach einer solchen Schnittstelle hat mich stark an die Tagesstruktur- oder Ganztagesschul-Modelle erinnert», sagt Schulleiter Daniel Jeseneg. «Die Grenzen zwischen Schul- oder Berufsleben und Privatraum sind durchlässiger geworden. Gerade die digitalen Medien beschleunigen und intensivieren diesen Prozess. Unsere Schülerinnen und Schüler leben uns diese neue Verschränkung offenkundig vor.»